Editorial
Expeditionen werden meist assoziiert mit Reisen zu noch nicht erforschten Erdteilen und Regionen: Nord- und Südpol, die höchsten Gipfel der Erde, die Tiefsee, Urwälder und Wüsten. Für den Entschluss, in unbekanntes Terrain vorzudringen, sind Neugier, Unerschrockenheit und die Offenheit, Unerwartetem zu begegnen, die wichtigsten Voraussetzungen. Die Expedition selbst ist hingegen ein konkreter Vorgang, der präzise Planung, praktisches Denken und pragmatisches Vorgehen verlangt und dem die direkte Erfahrung eingeschrieben ist. Ergebnisse einer Expedition sind abhängig von der Art des Umgangs mit ihrem Verlauf. Dadurch entstehen Diskrepanzen zwischen Karte und Weg, Vorstellung und Realität. Mit jeder Expedition werden neue Daten erhoben, wird Wissen generiert oder korrigiert.
InGAM.13 Spatial Expeditions wird mittels der Methode der Expedition der Fokus nicht auf ferne, unbekannte Räume, sondern auf den uns umgebenden, gebauten Raum gelenkt, den es allerdings mit geändertem Blickwinkel und/oder ungewohnter Sichtweise neu zu entdecken gilt. Dabei sind es vor allem die nicht-visuellen Zugänge, die uns erfolgversprechend scheinen, Neues im scheinbar Bekannten zu entdecken. Die Wahrnehmung von Raum mit all unseren Sinnen bildet u.a. die Basis phänomenologischer Forschung. Man möchte daher meinen, dass raumphänomenologische Überlegungen einen zentralen Bestandteil nicht nur jeder Analyse von Architektur, sondern auch jeder architektonischen Entwurfsentscheidung bilden. Über die physisch erfahrbaren Eigenschaften von Raum und seine atmosphärischen Qualitäten findet dennoch innerhalb der Architekturdisziplin kein kontinuierlicher Diskurs statt, wie man es aus anderen Disziplinen sehr wohl kennt. Peter Zumthors paradigmatische SchriftenArchitektur Denken oderAtmosphären, die ein raumphänomenologisches Verständnis von Architektur ins Zentrum rücken, gehören zu den wenigen Ausnahmen. In der aktuellen wissenschaftlichen Auseinandersetzung dominieren vielmehr die Stimmen nicht gestaltender Disziplinen. Architektonische Diskurse zu Raumerfahrung und Atmosphäre bleiben meist auf das Virtuelle beschränkt, in dem die Orte des Erfahrens immer fiktiv bleiben. Die Fokussierung auf den simulierten Raum wirft aber zwangsläufig die Frage nach der Bedeutung von realen Räumen und deren Entdeckung in einer bereits kartografierten Welt auf.
Diese Feststellungen nehmen wir zum Anlass, elementare Parameter der Raumwahrnehmung zurück ins Zentrum einer Betrachtung von Architektur zu stellen, die Rückschlüsse auf die eigentliche Raumgestaltung bereithalten. Die Methode der Expedition ermöglicht dabei einen experimentellen Umgang und bietet die Chance, neue Erkenntnisse und Sichtweisen auf den gebauten Raum sowie auf Praktiken seiner Erkundung zu gewinnen.
Wenn wir von Bekanntem sprechen, so meinen wir etwas, was uns vertraut und geläufig ist. Konzentrieren wir unser Denken auf eine nicht so beachtete Stelle im uns Vertrauten, kann dies neue Erkenntnissen oder Änderungen im Umgang mit der Materie bewirken.
Im ersten Abschnitt –Reading Environments – nähern wir uns daher