: Rudyard Kipling
: Das zweite Dschungelbuch
: apebook Verlag
: 9783961300730
: 1
: CHF 2.70
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: Erzählende Literatur
: German
Rudyard Kipling (1865-1936) veröffentlichte den zweiten Teil seines 'Dschungelbuchs' 1895. Dieses Werk, das vor allem die Geschichte des Menschenjungen Mogli weitererzählt, der bei den Tieren des Dschungels aufwächst, hat bis heute nichts von seiner Faszination und Strahlkraft verloren. Es zählt zu den beliebtesten Büchern überhaupt und wurde wiederholt verfilmt, zuletzt 2016. 1907 erhielt Kipling als erster Engländer und bis heute jüngster Schriftsteller weltweit den Literaturnobelpreis. 'Kiplings ´Dschungelbuch´ bezaubert junge und erwachsene Leser durch den Reichtum seiner Empfindung und durch die Unmittelbarkeit und Frische der Darstellung.' (Neue Zürcher Zeitung) Kipling veröffentlichte sein weltbekanntes Buch 1894 unter dem englischen Originaltitel 'The Jungle Book'. Im Jahre 1895 folgte 'The Second Jungle Book', welches in deutscher Übersetzung unter dem Titel 'Das zweite Dschungelbuch' vorliegt. Beide Bücher sind sowohl in englischer als auch deutscher Fassung in der Reihe ApeBook Classics (ABC) erhältlich. Die deutschen Fassungen folgen dabei im Wesentlichen der Originalübersetzung von Curt Abel Musgrave (1860-1938), wurden aber - dem heutigen Sprachgebrauch gemäß - leicht angepasst. So zum Beispiel wirkt es befremdlich, wenn in der Originalübersetzung das meistgebrauchte Wort 'Dschungel' stets im Femininum gesetzt wird. Um eine störungsfreie Lektüre zu gewährleisten, wurde dies in den Ausgaben der ApeBook Classics ins gebräuchliche Maskulinum abgeändert (es heißt also hier 'der Dschungel' und nicht 'die Dschungel').

WIE ANGST KAM


 

Der Pfuhl verschrumpft, der Strom entwich,

Nun sind wir Brüder, du und ich,

Die Flanke matt, der Schlund verbrannt,

Wir drängen uns zum Uferrand.

Vom Schreck der Dürre stillgemacht,

Schweigt das Gelüst nach Mord und Jagd.

Das Rehkalb unterm Reh nicht schreckt

Der hagre Wolf, nah hingestreckt,

Der Hirsch scheut nicht das Mordgebiß,

Das seines Vaters Brust zerriß.

Der Pfuhl verschrumpft, der Strom entwich,

Gefährten sind wir, du und ich.

Doch birst die Wolke, strömt der Guß –

Gut' Jagd und Wasserfriedens Schluß!

 

Das Dschungelgesetz – bei weitem das älteste Gesetz der Erde – enthält Bestimmungen für beinahe jederlei Art von Vorfällen, die sich unter dem Dschungelvolk ereignen können; und bis jetzt sind seine Gesetzestafeln so vollkommen, wie Zeit und Gewohnheit sie machen können. Wer die anderen Erzählungen über Mogli gelesen hat, wird sich erinnern, daß der Knabe einen großen Teil seines Lebens unter dem Rudel der Sioniwölfe verbrachte und von Balu, dem braunen Bären, im Dschungelgesetz unterwiesen wurde. Wenn Mogli über die ewigen Zurechtweisungen ungeduldig wurde, sagte ihm Balu, das Gesetz wäre wie eine Riesenliane, weil es sich an jedem festhänge und keiner sich ihm entziehen könnte. »Wenn du so lange gelebt haben wirst wie ich, kleiner Bruder«, fuhr Balu fort, »so wirst du sehen, wie der ganze Dschungel zumindest einem Gesetz folgt. Aber angenehm wird dir diese Erkenntnis nicht sein.«

Diese Rede ging bei Mogli zum einen Ohr hinein, zum anderen wieder hinaus, denn ein Knabe, der sein Leben mit Essen und Schlafen verbringt, sieht die Sorge erst dann, wenn sie unmittelbar vor ihm steht. Aber es kam ein Jahr, da wurden Balus Worte zur Wahrheit; und Mogli erkannte, daß der ganze Dschungel nur einem einzigen Gesetz unterworfen war.

Es begann, als die Winterregen fast völlig ausblieben und Ikki, das Stachelschwein, dem Mogli in einem Bambusdickicht begegnete, ihm erzählte, daß die wilden Brotwurzeln verdorrten. Nun aber weiß man, wie lächerlich genau Ikki in der Wahl seiner Nahrung ist und daß nur das Auserlesenste und Vollsaftigste seiner Zunge genügt. So lachte Mogli und sagte: »Was kümmert das mich?«

»Jetzt vielleicht noch nicht viel«, sagte Ikki und rasselte verdrießlich mit den harten Stacheln, »aber wir werden ja sehen. Übrigens, kleiner Bruder, springst du noch immer in den tiefen Pfuhl unter den Bienenfelsen?«

»Nein. Das dumme Wasser geht immer mehr weg, und ich habe keine Lust, mir den Kopf einzuschlagen«, erwiderte Mogli, der sich in jenen Tagen klüger dünkte als fünf Dschungelgehirne zusammen.

»Dein eigener Schade. Denn ein kleines Loch in deinem Kopf würde vielleicht etwas Verstand hineinlassen.« Schnell duckte sich Ikki, damit Mogli ihn nicht an den Barthaaren zupfte. Mogli aber ging zu Balu und erzählte ihm, was Ikki gesagt hatte. Balu wurde sehr ernst und murmelte halblaut: »Wenn ich allein wäre, so würde ich jetzt schleunigst meine Jagdgründe nach einer anderen Gegend verlegen. Dennoch – unter Fremden jagen endet immer mit Kampf, und dabei könnte mein Menschenjunges zu Schaden kommen. Warten wir es ab, wie der Mohwabaum in Blüte stehen wird.«

In diesem Frühling aber trug der Mohwabaum, den Balu so liebte, keine Blüten. Die grünlichweißen, wächsernen Knospen wurden von der Hitze schon im Keim getötet; und als der Bär, auf den Hinterpranken stehend, den Baum schüttelte, fielen nur wenige übelduft