: Rudyard Kipling
: Das Dschungelbuch
: apebook Verlag
: 9783961300723
: 1
: CHF 2.70
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: Erzählende Literatur
: German
Rudyard Kipling (1865-1936) veröffentlichte 'Das Dschungelbuch' 1894. Dieses Werk, das u.a. die Geschichte des Menschenjungen Mogli erzählt, der bei den Tieren des Dschungels aufwächst, hat bis heute nichts von seiner Faszination und Strahlkraft verloren. Es zählt zu den beliebtesten Büchern und wurde wiederholt verfilmt, zuletzt 2016. 1907 erhielt Kipling als erster Engländer und bis heute jüngster Schriftsteller weltweit den Literaturnobelpreis. 'Kiplings ´Dschungelbuch´ bezaubert junge und erwachsene Leser durch den Reichtum seiner Empfindung und durch die Unmittelbarkeit und Frische der Darstellung.' (Neue Zürcher Zeitung) Kipling veröffentlichte sein weltbekanntes Buch 1894 unter dem englischen Originaltitel 'The Jungle Book'. Im Jahre 1895 folgte 'The Second Jungle Book', welches in deutscher Übersetzung unter dem Titel 'Das zweite Dschungelbuch' vorliegt. Beide Bücher sind sowohl in englischer als auch deutscher Fassung in der Reihe ApeBook Classics (ABC) erhältlich. Die deutschen Fassungen folgen dabei im Wesentlichen der Originalübersetzung von Curt Abel Musgrave (1860-1938), wurden aber - dem heutigen Sprachgebrauch gemäß - leicht angepasst. So zum Beispiel wirkt es befremdlich, wenn in der Originalübersetzung das meistgebrauchte Wort 'Dschungel' stets im Femininum gesetzt wird. Um eine störungsfreie Lektüre zu gewährleisten, wurde dies in den Ausgaben der ApeBook Classics ins gebräuchliche Maskulinum abgeändert (es heißt also hier 'der Dschungel' und nicht 'die Dschungel').

MOGLIS BRÜDER


 

Nun bringt der Weih die dunkle Nacht,

Und »Mang«, die Fledermaus, erwacht.

Der Stall birgt alles Herdentier,

Denn bis zum Morgen herrschen wir!

Die Stunde stolzer Kraft hebt an

Für Prankenhieb und scharfen Zahn.

Jagdheil! und kühn gehetzt, gerafft:

Das Dschungelrecht ist jetzt in Kraft

 

Nachtgesang im Dschungel

 

Gegen sieben Uhr an einem recht schwülen Sommer-abend in den Sionibergen erwachte Vater Wolf, gähnte, reckte sich und streckte die Läufe, einen nach dem anderen, um das Schlafgefühl in den Pfoten loszuwerden. Neben ihm lag Mutter Wolf, die lange graue Nase quer über den vier winselnden und quarrenden Jungen, und von draußen her schien der Mond in die Höhle, in der sie alle hausten.

»A-ruff«, knurrte Vater Wolf, »schon wieder Zeit, auf Jagd zu gehen.« Gerade wollte er den Hang hinabsetzen, als am Eingang der Höhle ein kleiner Schatten mit buschiger Rute erschien und winselte: »Glück sei mit dir, Häuptling der Wölfe! Und viel Glück deinen edlen Kindern, weiße, scharfe Zähne sollen ihnen wachsen. Mögen sie nie die Hungernden und Darbenden vergessen in dieser Welt!«

Der Schakal war es – Tabaqui, der Schüssellecker. Die Wölfe in Indien verachten ihn, weil er Unheil stiftend umherschweift und böse Geschichten erzählt. Ja, er verschlingt sogar alte Lumpen und Lederstücke von den Abfallhaufen der Dörfer. Aber sie fürchten ihn auch, denn Tabaqui wird leicht von Tollwut befallen, viel leichter als irgendein anderes Tier im Dschungel. Dann vergißt er, daß er je Angst gehabt hat, rennt blindwütend durch die Wälder und beißt und würgt alles, was ihm in den Weg kommt. Dann flüchtet selbst der Tiger vor dem kleinen Tabaqui und verbirgt sich im Dickicht; denn von der Tollwut befallen zu werden, ist die größte Schande für die Tiere der Wildnis. Wir Menschen nennen es Hydrophobie, aber die Bewohner der Dschungel sagen einfach Dewanii – Wahnsinn – und flüchten davon.

»Tritt ein und schau«, sagte Vater Wolf. »Fraß findest du hier nicht.«

»Für einen Wolf wohl kaum«, antwortete Tabaqui. »Aber für ein so niedriges Geschöpf wie ich ist ein trockener Knochen ein Festschmaus. Wer sind wir denn, wir Gidurlog, wir armes Schakalvolk, daß wir wählerisch sein könnten?« Er trat nach dem Hintergrund der Höhle und fand dort den Knochen eines gerissenen Bocks mit noch etwas Fleisch daran; bald saß er und knackte vergnügt an dem Knochen.

»Tiefen Dank für das prächtige Mahl«, sagte er, sich die Lippen leckend. »Ah, wie schön sind die edlen Kinder! Wie groß und klar sind ihre Augen. Und so jung sind sie noch, die lieben Kleinen! Freilich – freilich, es ist ja allbekannt, daß Kinder von Königen schon Männer sind von Geburt an.«

Nun wußte Tabaqui ebensogut wie jeder andere, daß man nichts Unschicklicheres tun kann, als Kinder ins Gesicht hinein zu loben – denn das ist von schlimmer Vorbedeutung. Und es freute ihn, als Vater und Mutter Wolf betreten schwiegen.

Noch eine Weile saß Tabaqui und weidete sich an dem Unheil, das er angerichtet hatte. Dann sagte er boshaft:

»Schir Khan, der Gewaltige, hat seine Jagdgründe verlegt. Hier in diesen Hügeln wird er jagen im nächsten Mond – so sagte er mir