Kapitel 1
Kein Universalgehirn für jeden
Glaubt man den Selbsthilfebüchern für den Hausgebrauch, populärpsychologischen Artikeln oder Fernsehtherapeuten in Boulevardsendeformaten, könnte man leicht zu der Annahme kommen, die Art und Weise, wie Menschen auf einschneidende Ereignisse in ihrem Leben reagieren, sei mehr oder weniger vorhersehbar. Den vielleicht durchaus gutmeinenden Experten zufolge wirkt sich ein solches Erlebnis meist sehr ähnlich aus: Es gibteinen Trauerprozess, den jeder durchläuft,eine Abfolge von Ereignissen, wenn wir uns verlieben,eine Standardreaktion auf das Verlassenwerden oder darauf, ein Neugeborenes versorgen zu müssen, im Beruf keine Anerkennung zu erfahren, unter einer erdrückenden Arbeitslast zu leiden, einen pubertierenden Jugendlichen erziehen oder sich auf das Älterwerden einstellen zu müssen. Dieselben Koryphäen raten mit großer Überzeugung zu bestimmten Maßnahmen, um unseren emotionalen Halt wiederzufinden, ob nun nach einem Rückschlag im Leben oder in der Liebe. Sie verraten uns, wie wir unsere Sensibilität stärken (oder auch mindern) und beherzt mit unseren Ängsten umgehen können ... und was wir generell tun müssen, um ebenjener Mensch zu werden, der wir gern sein möchten.
Doch während meiner Forschungsarbeit bin ich zu der in all den Jahren immer wieder bestätigten Erkenntnis gelangt, dass solche pauschalisierenden Universalformeln im Zusammenhang mit Emotionen noch weniger Gültigkeit haben als in der Medizin. Dort ist die Wissenschaft gerade dabei zu entdecken, dass die DNA des Einzelnen darüber entscheidet, wie er – um nur ein Beispiel zu nennen – auf Medikamente anspricht. Damit läutet sie ein Zeitalter der Individualtherapie ein, in dem sich die Behandlung ein und derselben Krankheit von Patient zu Patient unterscheidet – einfach deshalb, weil es keine zwei Patienten mit identischen Genen gibt. Ein gutes Beispiel hierfür: Welche Dosis des Blutverdünners Warfarin einem Patienten ohne Risiko verabreicht werden kann, um die Entstehung von Blutgerinnseln zu vermeiden, hängt davon ab, ob die Gene des Betreffenden eine langsame oder schnelle Verstoffwechselung des Wirkstoffs bedingen.1 Wenn es darum geht, wie der Einzelne auf die Widrigkeiten des Lebens reagiert und wie er die Fähigkeit entwickeln und stärken kann, Freude zu empfinden, liebevolle Beziehungen zu seinen Mitmenschen einzugehen, Rückschläge zu verkraften und generell ein sinnvolles Leben zu führen, muss ein ebenso individuelles Konzept gefunden werden. In diesem Fall liegt der Grund nicht allein in einer jeweils ganz anderen DNA, obwohl dies natürlich auch eine Rolle spielt, denn die DNA beeinflusst ganz eindeutig unsere emotionale Veranlagung. Vielmehr sind auch die Aktivitätsmuster in unserem Gehirn individuell verschieden. Wie die Entschlüsselung der Patienten-DNA prägend für die Medizin von morgen sein wird, kann das Verständnis der für die emotionalen Zustände und Veranlagungen des Einzelnen typischen neuronalen Aktivitätsmuster die Psychologie von heute maßgeblich beeinflussen.
Im Laufe meiner Tätigkeit als Neurowissenschaftler sind mir Tausende von Menschen begegnet, deren Umgang mit ein und demselben Lebensereignis sich ungeachtet ihres ähnlichen Hintergrunds dramatisch unterscheidet. Während sich die einen beispielsweise gegenüber Stress als belastbar erweisen, brechen andere völlig zusammen. Sie werden ängstlich, depressiv oder können beim Auftreten von Problemen nicht angemessen reagieren. Resiliente Menschen sind aus irgendeinem Grund in der Lage, stressauslösende Situationen nicht nur zu meistern, sondern sie sogar zu ihrem Vorteil zu nutzen. Genau dieses Rätsel lieferte mir die Motivation für meine Forschungen: Ich wollte wissen, was genau darüber entscheidet, wie d