Kapitel zwei
An diesem Tag schwiegen die Waffen. Denn Gertrud, die Tochter König Lothars, hielt zu Pfingsten des Jahres 1127 auf dem Günzele Hochzeit mit Heinrich, Herzog von Bayern, den sie den Stolzen nannten. Mit viel Prunk und einer großen Gesandtschaft hatte der Welfenfürst sie aus Sachsen zu sich geholt. Der Ort der Eheschließung, ein Hügel am Ostufer des Lechs unweit der Stadt Augsburg, war mit Bedacht gewählt. Nahe diesem Versammlungsplatz an der Grenze zwischen Bayern und Schwaben hatte einst die Schlacht getobt, in der das Reichsheer die Ungarn besiegte. Nun stand statt Mann neben Mann auf dem weiten Lechfeld unterhalb der Erhebung Zelt an Zelt, eines prunkvoller als das andere. Über den Kuppeldächern wehten die Wimpel mit den Wappen der größten Geschlechter der deutschen Lande in der Maibrise. Nur ein Wappen fehlte: das mit den drei schwarzen, übereinander stehenden Löwen auf goldenem Grund des mächtigen Herzogs von Schwaben, Friedrich des Geächteten. Des Königs Feind.
Judith von Schwaben, seine Herzogin, war jedoch gekommen. Die Schwester des Bräutigams hatte es sich trotz der tödlichen Fehde zwischen ihrem Gemahl und ihrem Bruder nicht nehmen lassen, zu dessen Hochzeit zu erscheinen. Noch vor zwei Jahren hätte der Onkel ihres Gatten, Kaiser Heinrich V., dort gesessen, wo jetzt ein König namens Lothar thronte, der aus Sachsen stammte. Neben ihm hielt seine Königin Richenza Hof, eine mütterlich wirkenden Frau.
Hin und wieder warf Richenza einen Blick hinüber zur schönen Herzogin von Schwaben, verbunden mit einem verstohlenen Lächeln. Diese gab das Lächeln ebenso zurück. Ihre Männer waren Feinde, doch die Frauen waren es nicht. Das konnte jeder sehen, der die beiden beobachtete. Allerdings tat das niemand, denn aller Augen hingen an der erst zwölfjährigen neuen Bayernherzogin, einem scheuen, blassen Mädchen. Neben dem blutvollen, als anmaßend bekannten Heinrich wirkte sie noch unscheinbarer. Daran konnten auch die prachtvollen, mit Perlen und Edelsteinen geschmückten Gewänder und der reiche Schmuck nichts ändern. Mit gesenkten Lidern saß sie schüchtern und verloren zwischen ihrem Vater und ihrem Gatten.
Heinrich von Bayern beachtete seine Braut kaum, lachte dröhnend, unterhielt sich mit seinem neuen Schwiegervater oder prostete einem seiner Getreuen zu. Gertrud hingegen wandte sich immer wieder mit einem um Hilfe heischenden Blick an ihre Schwiegermutter, die ihr dann freundlich zunickte.
Würde der Salierkaiser Heinrich V. noch leben, hätte diese Hochzeit vielleicht niemals stattgefunden, das wusste jeder, der hier feierte. Doch Heinrich war ohne direkte Nachkommen gestorben. Wäre danach alles nach dynastischem Recht gelaufen, dann herrschte jetzt Friedrich von Schwaben, der zweite Herzog dieses Namens, der Sohn der Kaisertochter Agnes von Waiblingen, im Reich. Und die stolze Judith wäre seine Königin. Nun saß ein Mann auf dem Thron, mit dem niemand gerechnet hatte. Weil die Kirchenfürsten es so wollten. Sie hatten bei der Wahl den schwächeren Lothar von Supplingenburg auf den Thron gehoben. Lothar würde leicht zu führen sein, sich bei der Vergabe von geistlichen Ämtern und Pfründen nicht mehr einmischen. Das hatte er versprochen. Das war der Preis gewesen.
Judiths Vater und Bruder hatten den Supplingenburger ebenfalls teuer für ihre Unterstützung bei der Königswahl bezahlen lassen: mit der Hand von dessen Tochter und einer ansehnlichen Mitgift, darunter die Grafschaft Tuszien. Heinrich der Stolze hatte gewusst, er würde bekommen, was er verlangte. Der neue König Lothar war, was Allodien und Unterstützer betraf, im Vergleich zu den Herzögen von Bayern ein Nichts. Deshalb brauchte er machtvol