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In einer sternenklaren Neumondnacht im Mai sitzen Sigmund Freud und Albert Einstein ganz oben auf dem abgefuckten Sprungturm der heruntergekommenen Strandbadanlage in Seewalchen am Attersee und trinken billigen Whisky. Einige hundertmillionen Sterne beleuchten die Szene. Sie beweisen eine Unendlichkeit, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt. Die erste der beiden Flaschen ist beinahe ausgetrunken, als Sigmund eine Idee hat. Er öffnet seine Hose und pisst in den zehn Meter weiter unten glasklar daliegenden See.
Sigmund Freud ist arbeitslos. Vor nicht allzu langer Zeit hat er in der Kantine der Kunstfaserfabrik Lenzing als Koch gearbeitet. Dann aber ist die Kunstfaserindustrie bankrott gegangen. Das hat die ganze Gegend in eine schwere Krise gestürzt. Die Industrieruinen, noch vor kurzem Ausdruck lebendiger Geschäftigkeit, liegen nun brach da als Mahnmal des Vergehens. So sehr man von nur dem einen Produktionszweig abhängig gewesen ist, so sehr ist nun die gesamte Region Opfer – so wie der arbeitslose Koch Sigmund Freud.
Sigmund Freuds Eltern fanden es vermutlich recht kreativ, ihrem Sohn diesen berühmten Namen zu geben. In Wirklichkeit hat Sigmund ein Leben lang darunter gelitten. Ja wirklich, er heiße Sigmund Freud, genauso wie der Sigmund Freud. Das hat ihm viele Türen verschlossen. Wer weiß, was aus ihm geworden wäre, hätte er einen normalen Namen getragen? Was aber sollte er tun mit diesem Namen? Irgendwann erkannte er, dass man sich als Koch gut hinter den Töpfen verstecken konnte, nicht viel über Namen zu reden brauchte und nicht ständig wieder und wieder den neu begegnenden Menschen Namensgleichheiten erklären musste. Der Koch bleibt im Hintergrund. Das gefiel ihm. Also lernte er Koch. Und weil sein Vater langjährig in der Kunstfaserindustrie tätig war, bekam er dort einen Job in der Kantine.
Albert Einstein hat Liebeskummer. Daher sind die beiden hier. Darum trinken sie. Natürlich gibt es jeden Tag einen Grund, sich zu betrinken. Manche Tage eignen sich jedoch besser als andere für den Konsum schlechten Whiskys. Ein solcher Tag ist heute. Vera Stronach ist nämlich gerade abgereist. Vera Stronach ist die Tochter der Präsidentin der Amerikanisch-Kanadischen Föderation, Carlisle Stronach, und Albert Einstein hat sich in diese Tochter einer zirka elf Dimensionen höher liegenden Gesellschaft verliebt. Und aufgrund dieses Dimensionenunterschieds ist diese Liebe eindeutig unglücklich,