1. KAPITEL
12. Juni
Lisbeth Salander kam gerade aus dem Fitnessraum, als sie von Alvar Olsen, dem Wachleiter des Sicherheitstrakts, auf dem Flur aufgehalten wurde. Er wirkte irgendwie aufgekratzt, redete wild auf sie ein, gestikulierte und wedelte mit ein paar Blättern vor ihrem Gesicht herum. Doch Lisbeth hörte über seinen Wortschwall hinweg. Es war 19.30 Uhr.
19.30 Uhr war die schlimmste Zeit in Flodberga: Da dröhnte draußen der Güterzug vorbei, die Wände wackelten, Schlüssel klimperten, und es roch nach Schweiß und Parfüm. Zu keinem Zeitpunkt war es hier gefährlicher. Gerade jetzt, im Schutz des Eisenbahnlärms und des allgemeinen Durcheinanders kurz vor dem Einschluss, kam es zu den schlimmsten Übergriffen. Wie immer ließ Lisbeth Salander den Blick durch die Abteilung schweifen, und es war kein Zufall, dass sie genau in diesem Moment Faria Kazi erblickte.
Faria Kazi kam aus Bangladesch, war jung und bildschön und saß linker Hand in ihrer Zelle. Auch wenn Lisbeth von ihrem Standpunkt aus nur einen Teil von Farias Gesicht sehen konnte, bestand kein Zweifel, dass die junge Frau geschlagen wurde. Ihr Kopf ruckte wieder und wieder zur Seite, und auch wenn die Schläge nicht übertrieben brutal zu sein schienen, hatten sie doch etwas Rituelles, Routinehaftes an sich. Was immer dort passierte, musste schon seit einer Weile so gehen. Darauf ließen sowohl die Art der Attacke als auch die Reaktion des Opfers schließen. Selbst von Weitem konnte man erkennen, dass es sich um eine Demütigung handelte, die bereits tief in Faria Kazis Bewusstsein vorgedrungen war und jeden Widerstand gebrochen hatte.
Weder versuchten ihre Hände, die Ohrfeigen abzuwehren, noch verriet ihr Blick Erstaunen; eher eine stille, anhaltende Furcht. Sie lebte mit dem Terror. Um das zu erkennen, brauchte Lisbeth nur ihr Gesicht anzuschauen, und es passte auch zu allem anderen, was sie in den vergangenen Wochen im Gefängnis beobachtet hatte.
»Da«, sagte sie und zeigte in Farias Zelle.
Doch als Alvar Olsen sich umdrehte, war schon wieder alles vorbei. Lisbeth verschwand in ihrer eigenen Zelle und schob die Tür hinter sich zu. Von draußen waren Stimmen und gedämpftes Gelächter zu hören – und der Güterzug, der nicht aufhörte zu dröhnen und zu rattern. Sie sah das blanke Waschbecken vor sich, das schmale Bett, das Regal und den Schreibtisch mit ihren quantenmechanischen Berechnungen. Sollte sie weiter versuchen, eine Schleifenquantengravitation zu finden? Sie blickte auf ihre Hand hinab, die etwas festhielt.
Es waren die Papiere, mit denen Alvar Olsen eben noch herumgewedelt hatte. Jetzt war sie doch ein bisschen neugierig. Allerdings entpuppten sie sich als Blödsinn – ein Intelligenztest. Zwei Kaffeespritzer auf dem Deckblatt. Sie schnaubte verächtlich.
Lisbeth hasste es, vermessen und geprüft zu werden. Sie ließ die Blätter zu Boden fallen, wo sie sich wie ein Fächer auf dem Beton verteilten. Für einen kurzen Moment vergaß sie sie sogar komplett, weil sie wieder an Faria Kazi denken musste. Lisbeth hatte nie gesehen, wer sie schlug. Trotzdem wusste sie es genau. Denn obwohl sie sich anfangs nicht darum geschert hatte, was hier um sie herum vorging, war sie gegen ihren Willen in das Gefängnisleben hineingezogen worden, hatte schrittweise die sichtbaren und unsichtbaren Zeichen gesehen und verstanden, wer in Wahrheit über die Abteilung herrschte.
Die Abteilung hieß einfach nur B. Oder Sicherheitstrakt. Sie galt als sicherster Ort in der gesamten Anstalt, und wer zu Besuch kam oder sich nur einen flüchtigen Überblick verschaffte, glaubte