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Dienstag, 1. September
Wilson Richardson hatte seine Kanzlei im Londoner Stadtteil Chiswick im ersten Stock eines Bürogebäudes, das an der Hauptstraße lag. Im Treppenhaus roch es modrig, und dem Empfangsbereich hätte ein neuer Anstrich gutgetan. Meine Schwester Rose, eine adrette, zierliche Person, war schon da. Sie trug ihr dunkles Haar in einem Bob, jedes Härchen am Platz, und war noch immer schwarz gekleidet, dabei war unsere Mutter seit zwei Monaten tot. Ich hatte mich gegen Trauerkleidung entschieden. Es war ein warmer Sommertag, deshalb hatte ich eine leichte graue Hose und eine hellgrüne Kaftan-Bluse angezogen. Glücklicherweise mussten Rose und ich einander nicht lang ertragen, denn gleich nach der Begrüßung führte uns die Empfangsdame in das Büro von Mr Richardson. Die Empfangsdame hatte die blonden Haare zu einem extrem straffen Pferdeschwanz gebunden. Meine jüngste Schwester Fleur hatte diese Frisur früher als Facelifting für arme Leute bezeichnet, aber das war, als wir noch miteinander sprachen.
An einem schweren Schreibtisch aus Eiche saß ein kahlköpfiger Mann. »Wilson Richardson«, stellte er sich vor.
»Ich bin Rose, und das ist Dee«, erklärte Rose. »In Ihren Unterlagen steht sie wahrscheinlich als Daisy.«
»Ich bin hier und kann selbst für mich sprechen«, sagte ich.
Rose seufzte. »Dann tu’s doch. Ich wollte nur etwas klären. Zwei Namen können verwirrend sein.«
Ich richtete meinen Blick auf Mr Richardson. »Mein Name ist Daisy oder Dee. Die meisten Leute nennen mich Dee. Meiner Mutter war Daisy lieber.«
»Genau das habe ich gemeint«, sagte Rose.
Toller Auftakt, oder? Der Anwalt winkte uns zu den drei Stühlen vor seinem Schreibtisch, die schon zur Verlesung des Testaments meiner Mutter aufgestellt worden waren. »Nehmen Sie bitte Platz.«
»Meine Schwester Fleur müsste auch jeden Moment erscheinen.« Rose setzte sich.
»Sie ist nie pünktlich«, erklärte ich. »Wahrscheinlich kommt sie zu ihrer eigenen Beerdigung noch zu spät.« Ich hüstelte peinlich berührt und verfluchte mich.
Wir warteten. Mir war, als wäre ich wieder ein Schulkind und der Direktor hätte mich in sein Büro zitiert. Ich wollte die Verlesung hinter mich bringen und nach Hause fahren. Rose schien es ähnlich zu gehen, ihr linker Fuß wippte. Ich hatte noch nie jemanden kennengelernt, der so beherrscht war wie sie, aber der Fuß hatte sie von jeher verraten. Es war, als wollte sie aufspringen und davonrennen, diesmal vermutlich fort von ihren Schwestern.
Ich weiß nichts mehr über sie, ging es mir durch den Kopf. Rose warf einen Blick auf ihre Uhr.Ist sie glücklich? Kommen sie und Hugh gut miteinander aus? Was wird sie mit ihrem Anteil machen? Braucht sie das Geld ebenso dringend wie ich? Wahrscheinlich nicht.
Wir wussten, dass Mum uns ihr Vermögen zu gleichen Teilen vermacht hatte, das hatte sie schon vor Jahren gesagt. Das Haus in Hampstead, in dem wir aufgewachsen waren, hatten Mum und Dad von den Eltern meines