1
Clarke
Ein Windstoß fegte raschelnd durch die goldgelben Blätter am Rand der Lichtung und jagte Clarke einen kalten Schauer über den Rücken. Jemand rief leise ihren Namen. Seit sie auf der Erde war, hatte Clarke schon unzählige Male geglaubt, diese Stimme zu hören. Sie hatte sie im Rauschen des Baches gehört, im Stöhnen der Bäume, meistens aber im Rauschen des Windes, doch diesmal war es keine Einbildung. Sie sah ihre Mutter mit einem Korb voller Äpfel aus den Gärten der Erdgeborenen herankommen; Wärme breitete sich in ihrer Brust aus.
»Hast du die schon mal probiert? Sie schmecken wunderbar!« Mary Griffin stellte den Korb auf einem der langen Tische ab, nahm einen Apfel heraus und warf ihn Clarke zu. »Selbst nach dreihundert Jahren Gentechnik konnten wir auf den Kolonieschiffen nichts auch nur ansatzweise so Leckeres züchten.«
Clarke biss lächelnd hinein und ließ den Blick durch das geschäftige Lager schweifen: Überall trafen Kolonisten und Erdgeborene Vorbereitungen für das erste gemeinsame Fest. Felix und sein Freund Eric schleppten große Schalen mit Gemüse aus dem Dorf in die Küche. Zwei Dörfler brachten Antonio bei, aus Zweigen Kränze zu flechten, ganz am Rand des Lagers schliffen Wells und Molly, die im Dorf vor Kurzem eine Schreinerlehre begonnen hatte, einen der neuen Tische ab.
Nach allem, was sie während der letzten Monate durchgemacht hatten, konnte Clarke kaum fassen, wie weit sie es gebracht hatten. Sie gehörte zu den einhundert Jugendlichen, die auf die Erde geschickt worden waren, um festzustellen, ob der verstrahlte Planet inzwischen wieder bewohnbar war. Aber die Landung war gründlich schiefgegangen. Ihr Transporter stürzte ab, die Hundert verloren den Kontakt zur Kolonie. Während sie auf der Erde ums Überleben kämpften, mussten die auf den Schiffen Verbliebenen feststellen, dass die Lebenserhaltungssysteme versagten und ihnen langsam aber sicher der Sauerstoff ausging. Panik brach aus, und jeder versuchte, sich einen Platz auf einem der viel zu wenigen Transporter zu erkämpfen.
Clarke und der Rest der Hundert hatten es kaum fassen können, als sie Gesellschaft von den anderen Kolonisten bekamen. Weniger überraschend war, dass Vizekanzler Rhodes nach seiner Ankunft sofort versuchte, die Macht an sich zu reißen. Seinem brutalen Regime fiel unter anderem Sasha Wellgrove zum Opfer. Sie war die Tochter des Dorfvorstehers der Erdgeborenen gewesen und außerdem Wells’ Freundin. Nach ihrem Tod war es sofort zu Spannungen zwischen Kolonisten und Dörflern gekommen, die erst beigelegt wurden, als sie sich gemeinsam gegen einen gefährlichen Feind verteidigen mussten: die gewalttätige Fraktion der Erdgeborenen, die sich zum Ziel gesetzt hatte, die Kolonisten aus dem All zu vernichten.
Seither kamen alle bestens miteinander aus. Rhodes hatte mit seinem Rücktritt den Weg für einen neuen Rat freigemacht, in dem Kolonisten genauso wie Erdgeborene vertreten waren, und jetzt war es Zeit zum Feiern. Der neue Rat würde zum ersten Mal vor die vereinten Gruppen treten, und Clarkes Freund Bellamy würde sogar eine Rede halten.
»Die Vorbereitungen laufen gut«, kommentierte Clarkes Mutter, während ein Kolonist und zwei Mädchen von der Erd