: Anna Romer
: Der Schattengarten Roman
: Goldmann Verlag
: 9783641212377
: 1
: CHF 2.70
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 512
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Nach einigen Jahren in London kehrt Lucy Briar wieder nach Melbourne zurück. Sie möchte ein ruhiges Leben führen, doch als ihr Vater Ron einen Unfall hat, holt sie ihre Vergangenheit ein. Lucys Vater bittet sie, in Bitterwood Park, dem mittlerweile halb verfallenen Anwesen der Familie, nach einem alten Fotoalbum zu suchen. Mit Bitterwood verbindet Lucy böse Erinnerungen und düstere Träume, die sie seit ihrer Kindheit quälen. Auf der Suche nach dem Album entdeckt sie schließlich ein schreckliches Geheimnis. Und sie muss sich endlich ihren Dämonen stellen ...

Anna Romer wuchs in New South Wales in einer Familie von Büchernarren und Geschichtenerzählern auf, weshalb sie sich schon früh für Literatur zu interessieren begann. Sie arbeitet als Grafikerin und hat lange Reisen ins australische Outback, nach Asien, Neuseeland, Europa und Amerika unternommen, wo sie viel Stoff sammelte, den sie in ihren Bildern und Texten verarbeitet. Bereits ihr erster Roman »Das Rosenholzzimmer« lebte von ihrer Faszination für vergessene Tagebücher und Briefe, dunkle Familiengeheimnisse und alte Häuser und ihrer Liebe zur einzigartig schönen australischen Landschaft. Die Autorin lebt in einem abgelegenen Landsitz im nördlichen New South Wales, wo sie an ihrem nächsten Roman schreibt.

2

Melbourne, Juni 1993

Der Winter hatte früh eingesetzt. Es war erst fünf Uhr nachmittags, und schon hatte sich der nächt­liche Himmel wieder über die Stadt gesenkt. Die Straßenbahnen ratterten kreischend über die Kreuzungen und wirbelten leere Chipstüten und Staub auf. Die Luft roch nach Dieselabgasen und schwach nach Meer.

Während die Straßenlaternen auf der Dandenong Road aufflackerten, lief ich über den Bürgersteig in Richtung Astor Theatre. Auf dem Programm standen zwei Hitchcock-Filme.Fenster zum Hof hatte ich schon unzählige Male gesehen, anders alsCocktail für eine Leiche. Die Kritik hielt den Film für sein Meisterwerk, und ich konnte es kaum erwarten, ihn zu erleben.

Ganz am Ende der Schlange vor dem Eingang stand ein kleiner, etwa sechzigjähriger Mann mit schütterem Haar und struppigem Bart. Er trug Jeans, eine Wolljacke und hatte eine abgewetzte Aktentasche unter dem Arm. Seine Ohren waren gerötet von der kalten Abendluft. Am liebsten wäre ich auf ihn zugelaufen und hätte mich ihm in die Arme geworfen, um seine runden Bäckchen mit Küssen zu überschütten, so wie ich es als Kind immer gemacht hatte. Stattdessen schlich ich mich von hinten an und tippte ihm auf die Schulter.

Er drehte sich um und strahlte mich an, verzog dann aber gleich wieder das Gesicht. »Lucy, du siehst ja furchtbar aus.«

Ich umarmte ihn hastig. »Danke, Dad. Ich finde es auch schön, dich wiederzusehen.«

Er starrte mich an. »Hast du nicht geschlafen?«

»Es ist nur der Jetlag. Morgen geht es wieder besser.«

»Und Adam?«

Ich versuchte, fröhlich zu wirken. »Er hat gestern Abend angerufen, es geht ihm gut.«

»Hat er es sich inzwischen anders überlegt und kommt doch noch nach?«

Ich warf einen Blick über die Straße und zwang mich zu lächeln. »Er hat zu viel zu tun, sonst wäre er hier. Keine Bange, er will dich nach wie vor unbedingt kennenlernen.«

Dad schüttelte den Kopf und seufzte. »Wieso habe ich dann das Gefühl, dass du mir nicht die ganze Wahrheit sagst?«

Ich vergrub die Hände in den Taschen und dachte an den Brief. Seit ich ihn einen Monat zuvor in London erhalten hatte, ging er mir nicht aus dem Kopf. Es war mehr eine kryptische Botschaft, hastig hingekritzelt in der zittrigen Handschrift meines Großvaters.Ich habe etwas für dich, hatte er geschrieben.Es wird alles erklären, aber ich kann es dir nicht mit der Post schicken … Besteht die Möglichkeit eines Besuchs?

Doch jetzt war nicht der richtige Augenblick, meinem Vater davon zu erzählen. Es gäbe nur Streit, und er würde versuchen, mich davon abzuhalten, den alten Mann zu besuchen. Deshalb beschloss ich, ihm erst später davon zu erzählen, nachdem ich bei meinem Großvater gewesen war und mehr über dieses rätselhafte Etwas in Erfahrung gebracht hatte.

»Du vermisst ihn bereits, stimmt’s?«, fragte Dad.

Da wurde mir bewusst, dass er immer noch von Adam sprach. »Hmmm«, antwortete ich unverbindlich und hakte mich bei ihm ein,