: Paula Daly
: Stiefmutter Roman
: Goldmann Verlag
: 9783641215408
: 1
: CHF 12.60
:
: Krimis, Thriller, Spionage
: German
: 448
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Seit eine Auseinandersetzung mit ihrer Stiefmutter Karen eskalierte, gilt die sechzehnjährige Verity als emotional instabil. Karen ignoriert sie seit dem Vorfall und legt all ihre Aufmerksamkeit auf ihre jüngere Tochter Brontë. Deren Tage sind vollgepackt mit Klavierunterricht und Nachhilfe – was immer es braucht, um sie zu neuen Höchstleistungen zu treiben. Denn Karen lässt nichts außer Perfektion gelten. Eines Tages entschließt Verity impulsiv, ihrer kleinen Schwester eine Auszeit zu gönnen, und geht mit ihr auf den Spielplatz. Doch der Ausflug wird zum Alptraum, als in einem kurzen unbeobachteten Moment Brontë spurlos verschwindet ...

Paula Daly wurde in Lancashire geboren und lebt heute mit ihrem Mann, ihren drei Kindern und Hund Skippy im englischen Lake District. Sie arbeitete freiberuflich als Physiotherapeutin, lebte für kurze Zeit in Frankreich, vermisste aber bald den gewohnten Trubel und kehrte nach Großbritannien zurück. Ihre Romane »Der Mädchensucher« und »Herzgift« wurden von Presse und Lesern begeistert gefeiert und etablierten Paula Daly als Autorin brillanter psychologischer Spannungsromane.

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Montag, 21. September

Die Mädchenumkleide stank nach Schweiß, Erde und einem unangenehm süßlichen Deospray, das ihr die Tränen in die Augen trieb. Sie machte sich nichts aus Hockey – ehrlich gesagt machte sie sich, seit sie unter Bewährung stand, aus dem gesamten Unterricht nichts mehr. Ein paar wohlmeinende Profis würden ihr Verhalten beobachten, auf unbestimmte Zeit.

Verity Bloom war kein ganz hoffnungsloser Fall.

Noch nicht.

Alle gaben sich die größte Mühe, damit Veritys Leistungen nicht weiter absackten, nicht zuletzt das Lehrerkollegium der Reid’s Grammar School. Bis vor Kurzem war sie eine Musterschülerin gewesen.

»Wir haben sehr viel in sie investiert«, hatte der Schuldirektor zu ihrem Vater gesagt. »Wir möchten, dass sie ihr Potenzial voll ausschöpft. Es wäre aberwitzig, einem Mädchen wie Verity in dieser schwierigen Lebensphase die Unterstützung zu entziehen. Sie alle haben es wohl nicht gerade leicht mit ihr.«

Veritys Vater war vollkommen niedergeschlagen aus dem Gespräch herausgegangen – ein vom Leben gebeugter Mann, der die Nase von allem gestrichen voll hatte. »Wirst du tun, was sie von dir verlangen?«, hatte er gefragt. Verity hatte so gleichgültig mit den Schultern gezuckt, wie es nur ein Teenager kann. »Wenn nicht, wirst du rausfliegen«, ergänzte er.

»Wäre das so schlimm? Vielleicht ist die Schule gar nicht so toll, wie alle denken.«

Ihr Vater hatte geseufzt.

»Diese Schule kostet mich achtzehntausend Pfund im Jahr. Insgesamt habe ich für deinen Besuch dort über fünfundsiebzigtausend Pfund bezahlt … und alles, damit du am Ende mit leeren Händen dastehst? Du meine Güte, Verity!«

»Na ja, nicht mitganz leeren Händen«, hatte sie widersprochen. »Ich könnte meinen Abschluss woanders machen.«

Er hatte sie sehr lange und sehr bekümmert angesehen. Am Ende hatte sie die tiefe Traurigkeit in seinen Augen nicht mehr ausgehalten und nachgegeben: »Okay.«

»Okay«, hatte sie gesagt. »Ich werde mir Mühe geben.«

Drei Wochen nach Unterrichtsbeginn erschienen Verity die langen Sommerferien so fern wie ein halb vergessener Traum. Sie zog sich Schuhe, Schienbeinschoner und Unterwäsche aus, stellte sich unter die Dusche und ließ sich das Wasser über Schultern und Rücken rinnen. Die Temperatur war knapp zu kühl eingestellt, damit die Mädchen nicht trödelten und zur nachfolgenden Stunde pünktlich erschienen. Eigentlich war die Maßnahme überflüssig: Sechzehnjährige Mädchen fühlen sich in ihrem Körper inder Regel so unwohl, dass sie sich ohnehin nicht länger als nötig in einer Gemeinschaftsdusche aufhalten. Seit der siebten Klasse versuchten manche sogar, sich ganz davor zu drüc