1.KINDER UND MIKROORGANISMEN: EINE MAGNETISCHE ANZIEHUNGSKRAFT
Mikroben: Tötet sie alle!
Mikroben sind die kleinsten Lebewesen der Welt. Sie umfassen Bakterien, Viren, Protozoen und andere Organismen, die man nur mithilfe eines Mikroskops sehen kann. Mikroben sind zudem die ältesten und erfolgreichsten Lebensformen auf unserem Planeten, die sich lange vor den Pflanzen und Tieren entwickelt haben (Pflanzen und Tiere sind genau genommen aus Bakterien hervorgegangen). Wiewohl für das bloße Auge unsichtbar, sind sie von zentraler Bedeutung für das Leben auf dieser Erde. Es gibt erstaunliche 5 × 10³⁰ (das ist eine 5, gefolgt von 30 Nullen!) Bakterien auf der Welt (im Vergleich dazu umfasst das Universum »nur« 7 × 10²¹ Sterne). Gemeinsam wiegen diese Mikroben mehr als sämtliche Pflanzen und Tiere unseres Planeten zusammen. Sie vermögen unter rauesten und unwirtlichsten Bedingungen zu überleben, ob in den antarktischen Trockentälern oder den kochenden Thermalquellen am Grunde der Ozeane – selbst im Atommüll gedeihen sie. Sämtliche Lebensformen sind in komplexer, dabei meist harmonischer Weise von Mikroorganismen besiedelt, weshalb die Phobie vor Keimen zu den unsinnigsten menschlichen Ängsten überhaupt gehört. Wenn Sie nicht gerade in einer sterilen Blase ohne Kontakt zur Außenwelt leben, gibt es kein Entrinnen – wir leben in einer Welt, die vollständig übertüncht ist von Mikroben. Auf jede einzelne Körperzelle kommen zehn Bakterienzellen, die uns bevölkern. Auf jedes Gen in unserem Körper kommen hundertfünfzig bakterielle Gene. Die Frage ist also: Bevölkern sie uns oder ist in Wahrheit das Gegenteil der Fall?
Im Mutterleib ist die Umgebung eines Babys noch größtenteils steril, doch mit dem Moment seiner Geburt empfängt es eine Riesenladung Mikroorganismen, hauptsächlich von seiner Mutter – ein kostbares erstes Geburtstagsgeschenk! Innerhalb von Sekunden ist das Baby über und über bedeckt von Mikroben, die es von den ersten Oberflächen, mit denen es in Kontakt kommt, erhält. Vaginal geborene Kinder treffen auf vaginale und fäkale Mikroben, während Säuglinge, die per Kaiserschnitt entbunden werden, Mikroben von der Haut der Mütter aufnehmen. Ebenso sind Babys, die zu Hause geboren werden, völlig anderen Mikroorganismen ausgesetzt als im Krankenhaus.
Doch warum ist das wichtig? Bis vor Kurzem maß dem niemand eine besondere Bedeutung bei. Man hielt Mikroorganismen – insbesondere im Zusammenhang mit Babys – lediglich für eine Bedrohung und bemühte sich, diese fernzuhalten. Das ist keineswegs verwunderlich: Im vergangenen Jahrhundert haben wir die Vorteile medizinischen Fortschritts erlebt, dank dem sich die Zahl und das Ausmaß der Infektionen, die wir im Leben durchmachen, deutlich verringert hat. Dazu gehören Antibiotika, Virostatika, Impfstoffe, gechlortes Wasser, Pasteurisierung, Sterilisierung, pathogenfreie Nahrung und selbst das gute alte Händewaschen. In der Vergangenheit haben wir danach gestrebt, Mikroorganismen loszuwerden – frei nach dem Motto »Nur tote Mikroben sind gute Mikroben«.
Diese Strategie hat uns außergewöhnlich gute Dienste erwiesen. Heutzutage stirbt in den entwickelten Ländern kaum noch jemand an mikrobiellen Infektionen. Vor gerade einmal 100 Jahren erlagen noch 75 Millionen Menschen innerhalb von zwei Jahren dem H1N1-Influenzavirus, besser bekannt als Spanische Grippe. Wir sind inzw