KAPITEL 1
Leben in Farbe
Als Sie heute Morgen beim Aufwachen die Augen aufschlugen, haben Sie die Welt da richtig gesehen, so, wie sie wirklich ist? Nein? Dann lassen Sie mich die Frage noch einmal anders stellen: Glauben Sie an Illusionen? Die meisten von uns tun das. Und wenn auch Sie es tun, dann glauben Sie per Definition, dass die evolutionäre Entwicklung des Gehirns darauf abzielt, die Welt akkurat zu sehen, zumindest die meiste Zeit – vorausgesetzt, die Definition von Illusion ist ein Eindruck von der Welt, der von dem, wie sie wirklich ist, abweicht. Und dennoch sehen wir die Welt nicht so, wie sie ist.Warum? Was geschieht in unserem komplexen Gehirn (oder um genauer zu sein, im Austausch zwischen unserem Gehirn und der Welt)? Um das zu beantworten, müssen wir dem menschlichen Bedürfnis, »es mit eigenen Augen zu sehen«, Genüge tun und uns zunächst einer drängenden empirischen Frage zuwenden. Was beweist, dass wir die Realität nicht sehen? Woran sehen wir, dass wir sie nicht sehen? Die Antwort darauf finden wir, wenn wir unsere vorgefassten Überzeugungen zur Wahrnehmung Stück für Stück auseinandernehmen.
Im Februar 2014 verbreitete sich ein auf Tumblr gepostetes Foto rasend schnell auf der ganzen Welt und lenkte dabei ganz beiläufig das Interesse auf die Frage nach der Subjektivität der Wahrnehmung. Die Reaktion auf das Foto warimmens, und die entscheidende Frage, was darauf zu sehen ist, zog auf Twitter und in anderen sozialen Medien, im Fernsehen und in den Köpfen unzähliger Menschen, die ihre Verblüffung für sich behielten, Tausende weitere Fragen nach sich. Vielleicht ist Ihnen das Foto nie begegnet, aber wenn Sie es gesehen haben, werden Sie sich daran erinnern, dass dieses Bild einem ganzen Phänomen seinen Namen gab –The Dress (Das Kleid).
Alles begann mit einer Hochzeit in Schottland. Die Mutter der Braut schickte ihrer Tochter ein Foto des Kleids, das sie zur Trauung tragen wollte: ein einfaches blaues Cocktailkleid mit Querstreifen aus schwarzer Spitze. Für die Sinneswahrnehmung von Braut und Bräutigam war dieses Foto allerdings alles andere als einfach, denn sie konnten sich nicht darüber einig werden, ob das Kleid nun weiß mit goldenen Streifen oder blau mit schwarzen Streifen war. Irritiert über ihre Unstimmigkeiten schickten sie das Foto an diverse Bekannte weiter. Unter ihnen war auch Caitlin McNeill, eine Musikerin, die auf der Hochzeit spielen sollte und dann auf dem Fest um ein Haar ihren Auftritt verpasst hätte, weil sie und ihre Bandkollegen (die das Kleid, genau wie das Brautpaar, nicht alle gleich sahen) heftig über das Foto diskutierten.1 Nach der Hochzeit postete Caitlin McNeill das Foto auf ihrer Tumblr-Seite mit der Überschrift »Bitte helft mir: Ist dieses Kleid weiß-gold oder blau-schwarz? Meine Freunde und ich können uns nicht einig werden und drehen fast durch.« Nicht lange nachdem sie diesen kurzen Kommentar veröffentlicht hatte, erreichte der Beitrag eine viral kritische Anzahl von Klicks und ließ angeblich sogar »das Internet zusammenbrechen«.
In der darauffolgenden Woche zogThe Dress wie die meisten viralen Phänomene immer weitere Kreise, und sowohl die Geschichte als auch deren Gegenstand – in diesem Fall das einfache Foto eines Kleidungsstücks – verbreiteten sich ebenso unerwartet wie explosionsartig auf der ganzen Welt. Prominente twitterten und stritten darüber, über Reddit verbreiteten sich Drohungen, und selbst diverse Nachricht