Kapitel 1
Erste Schritte – Wie ich zur Soziologie fand (oder anders herum)
Wenn man eine Sache verstehen will, sollte man am besten ganz am Anfang beginnen.
Ich wurde an einem Freitag geboren. Das ist für den Vernunftmenschen relativ egal, der Esoteriker jedoch schließt daraus Folgendes: »Du bist eine fröhliche Natur, voller Charme und sehr geistreich.« Das klingt erst mal ganz famos, aber es ist natürlich Quatsch. Tatsächlich fand ich mich in der esoterischen Herleitung meines Geburtstages durchaus wieder, bis ich die anderen Wochentage gelesen habe – und mich da auch wiederfand.
Aber bleiben wir beim Anfang. Genau genommen war es ein Freitag im Jahre 1981. Helmut Schmidt war Kanzler, die Renten scheinbar sicher, und ich wurde mitten hineingeboren in die bis dato schwerste Rezession seit Bestehen der Bundesrepublik.
Passend zur wirtschaftlichen Lage war es ein grauer, regnerischer Morgen, viel zu kalt und viel zu windig für einen Tag im Mai. Mittags brach dann die Wolkendecke auf, der Regen ließ nach, und pünktlich um 14.05 Uhr kam ich im strahlenden Sonnenschein auf die Welt. Ich hab das lange Zeit für eine nette Anekdote gehalten, die meine Mutter gerne zum Besten gab, aber irgendwann fand ich heraus, dass es eine Videoaufnahme von jenem Morgen gibt und die Geschichte tatsächlich stimmte. Ebenso wie der Regen an meinem Geburtstag entpuppte sich auch besagte Rezession als weniger schlimm als vermutet, und eine sonnige, wohlbehütete Zukunft lag vor mir.
Meine Kindheit verlief schon fast stereotypisch. Ich war eines dieser furchtbaren Kinder der Achtziger. Ein Kind der Bonner Republik, der zweite Sohn einer mittelständischen Familie zwischen all den anderen mittelständischen Familien mit ihren zwei Kindern, die niemals Mangel oder Armut erleben mussten. Ein Wohlstandskind der letzten analogen Generation. Geboren in eine sich zusehends schneller wandelnde Welt, aber ausgestattet mit dem unbeirrbaren Glauben an die eigenen, grenzenlosen Möglichkeiten und dem Selbstvertrauen einer Generation, die nach Meinung der Soziologen niemals wahre Niederlagen ertragen musste. Eine Generation, in der Einzelkinder noch Außenseiter waren, die Generation ohne Ritalin und ohne Therapeuten, die Generation des ersten Game Boys, der ersten Playstation und die Generation, welche die Kinderschritte des Internets miterleben sollte.
Meine Schulzeit war die natürliche Konsequenz meiner Kindheit. Ich wählte Freundschaften vor Schulformen, Interessen vor Nutzen, Zufriedenheit vor Erfolg und trieb auf dem Weg des geringsten Widerstandes von einer Klasse zur nächsten, mit einem unerschütterlichen Vertrauen in mein eigenes Glück und das Universum.
Ich muss ungefähr 14 gewesen sein, als ich mich das erste Mal in meinem Leben »methodisch« mit etwas entfernt Soziologischem beschäftigt habe, oder, na ja, was man als Teenager eben unter methodischer Beschäftigung versteht. Wie bei vielen wichtigen Entscheidungen und Entwicklungen in meinem Leben ging es auch bei dieser im Kern um eine einzige Sache: Mädchen.
Zwischen meinem dreizehnten und vierzehnten Lebensjahr war in mir das Interesse am anderen Geschlecht erwacht, und aus Gründen, die ich damals nicht nachvollziehen konnte (auch wenn sie mir heute erschreckend klar sind), standen untersetzte, introvertierte Sensibelchen mit fragwürdiger Frisur nicht so wirklich hoch im Kurs der Damenwelt von 1995. Eine Schande.
Die Lösung für mein Problem erschien mir damals ganz einfach: Verändere einfach deinen Typ – werde jemand anderes! Das klang zwar im ersten Moment