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Alice
Ich setze mich zu ihm, auf den gewohnten Stuhl. Sein Kopf ist mir zugewandt, und er wartet geduldig darauf, dass ich beginne. Mit einer Begrüßung rechne ich nicht, und das ist auch gut so, denn von ihm kommt nie eine. Er wartet einfach ab, profimäßig, denn früher oder später fange ich stets an zu reden.
»Hallo, Frank. Frohes neues Jahr. Ich hoffe, Sie haben Weihnachten gut überstanden. Es ist schön, Sie wiederzusehen.« Ich lächle ihn an.
Er regt sich nicht, zuckt mit keiner Miene.
»Es kommt mir vor, als wäre ich eine Ewigkeit weg gewesen.« Ich blicke mich um, sein spärliches kleines Abteil sieht aus wie immer. Nach all dem Regen ist das helle Januarlicht, das durch das Fenster hereinströmt und die Staubpartikel in der Luft einfängt, eine wahre Erholung.
»Weihnachten war ganz nett. Ich hatte Ihnen doch erzählt, dass David und ich nach New Forest fahren würden, um meine Familie zu besuchen, nicht wahr? Also, Claire, meine Schwester, hat unsere Eltern in die ausgebaute Scheune umgesiedelt, damit Martin und sie und die Kinder ins Haupthaus ziehen können. Ich dachte, es würde mir nichts ausmachen, aber es war doch ziemlich merkwürdig, das Haus, in dem wir aufgewachsen sind, voll mit anderen Sachen zu sehen. Na ja, David meinte, dass meine Eltern glücklich über das neue Arrangement wirken, und das ist ja schließlich die Hauptsache.«
Der Plan war von meiner anderthalb Jahre jüngeren Schwester Claire ausgebrütet und dann zielstrebig ausgeführt worden. Sie hatte verkündet, es sei doch absurd, dass unsere Eltern in ihrem großen georgianischen Haus mit vier Schlafzimmern herumgeisterten, während sie sich mit ihrer Familie in einer engen Mietwohnung drängen müsse. Der Umbau der alten, rußgeschwärzten Scheune war von meinem Mann David, der Architekt ist, entworfen und innerhalb eines knappen halben Jahres fertiggestellt worden. Meine Eltern hatten ihre Vogelbücher, ihre Teebecher und ihren alten Eichentisch genommen, an dessen einer Längsseite immer noch »Alice Taylor« eingeritzt steht, und waren in ihrer gewohnt bescheidenen Art in ihr neues Zuhause hinübergeschlurft. Für den Rest hatte Claire einen Container gemietet.
Frank wartet darauf, dass ich weitererzähle.
Ich rutsche auf meinem Stuhl herum. »Die Kinder waren süß. Harry, mein fünfjähriger Neffe, hat vor Kurzem Kopfläuse gehabt und entdeckt, dass in Alice ›lice‹ wie ›Läuse‹ steckt. Daraufhin hat er mich die ganze Weihnachtszeit über ›Bäh-lice‹ oder ›Alice im Läuseland‹ gerufen. David fand das todkomisch. Ich habe Martin gegenüber angedeutet, dass er das Harry mal verbieten könnte, aber entweder hat er es nicht verstanden, oder er wollte nicht. Bei Martin weiß man nie so genau.«
Ich habe mir immer noch kein endgültiges Urteil über meinen phlegmatischen, achselzuckenden Schwager gebildet. Entweder ist er ein stilles Genie oder alles andere als eine Leuchte. David meint, er hätte einfach einen Weg gefunden, sich das Leben leicht zu machen, und dann wäre er allerdings ein Genie, denn er ist immerhin mit meiner Schwester verheiratet.
»Claire und ich sind uns zum Glüc