: Anna Schmidt, Dominico Winter, Angela Weiß
: Dagmar Neubronner
: DER HIMMEL BLEIBT OFFEN Heilung und Integration extremer Missbrauchserfahrungen
: Genius Verlag
: 9783934719590
: 1
: CHF 8.80
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: Briefe, Tagebücher
: German
: 208
: DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Zwei Frauen und ein Mann erzählen, was ihnen geschehen ist, als sie Kinder waren, und wie sie damit umgehen. Angela war, beginnend zehn Tage nach ihrer Geburt, ihre Kindheit und Jugend hindurch ständigem brutalem Missbrauch durch ihren leiblichen Vater ausgesetzt. Anna wurde von ihrer Mutter vertraglich an ihren Stiefvater überschrieben und durchlief ein sadistisches Programm von Misshandlung, Gehirnwäsche, Folter, Vergewaltigung und der Beteiligung an blutigen Geheimritualen. Dominico war Teil eines militärischen Programms zur Bewusstseinskontrolle; die Rahmenbedingungen für sein Leben, sein Umfeld und die mit seinem neunten Lebensjahr beginnende extreme sexuelle Misshandlung und Abrichtung zur konditionierten Kampfmaschine waren schon vor seiner Geburt festgelegt worden. Alle drei konnten sich äußerlich und innerlich befreien, führen heute ein erfülltes, erfolgreiches Leben und sind auch therapeutisch tätig. Die körperlichen und seelischen Spuren ihrer Erfahrungen bleiben präsent. In diesem Buch schildern Angela, Dominico und Anna, welche Folgen das Erlittene hatte und wie jeder von ihnen die eigenverantwortlichen Prozesse von Verarbeitung und Heilung bewerkstelligt. Namen und Orte wurden verändert.

Meine Herkunft ist mir nicht bekannt. Die mir zugänglichen Akten und meine Erinnerungen lassen verschiedene Vermutungen zu. Den Akten zufolge wurden zwei andere männliche Säuglinge und ich am 26. November 1981 in einem Alter von ca. drei Monaten als Schiffbrüchige eines osteuropäischen Frachters in einem südamerikanischen Kinderheim abgegeben, wahrscheinlich von einem Besatzungsmitglied. Von dem einen der beiden anderen Säuglinge ist erwiesen, dass es sich um meinen eineiigen Mehrlingsbruder handelt. Mit diesem Bruder bin ich aufgewachsen. Über das Schicksal des dritten Säuglings gibt es nur Vermutungen. Eventuell wuchs dieser in ähnlichen Umständen auf wie wir, besuchte dieselbe Schule und verstarb 1999 bei einem Verkehrsunfall.

Den Akten zufolge wurden mein Bruder Luca und ich im Alter von sieben Monaten an ein adoptionswilliges Ehepaar vermittelt. Die Eltern waren beide US-Soldaten und arbeiteten offiziell für die US Airforce, in Wirklichkeit jedoch waren sie Angestellte der CIA. Das allererste, woran mein Bruder und ich mich übereinstimmend erinnern, ist allerdings, dass Soldaten in ein brennendes Haus kamen und uns aus unseren Kinderbetten holten. Sie durchnässten uns in unserer Kleidung in einem Swimmingpool, und trugen uns fort von dem brennenden Anwesen. Wir waren damals etwa drei bis vier Jahre alt. Draußen sahen wir einen südländisch wirkenden Olivenhain und auch das Meer.

Dies passt nicht zur Aktenlage, und uns wurde immer erzählt, das sei nur ein Traum gewesen. Uns wurde aber auch nie gesagt, dass wir adoptiert worden waren. Unser Adoptivvater John erzählte immer wieder, dass seine erste Frau, unsere leibliche Mutter, mir als dem Letztgeborenen noch meinen Namen zugeflüstert habe und dann voller Liebe zu uns lächelnd gestorben sei.

Bis zu unserem dritten Lebensjahr lebten wir den Akten zufolge mit unserem Vater auf verschiedenen US-Stützpunkten in Deutschland. Wir besuchten keinen Kindergarten, sondern wurden zu Hause von Bediensteten betreut. Mit dem fünften Lebensjahr, als unser „Vater“ unsere „Stiefmutter“ Brigid heiratete, änderte sich unser Leben schlagartig. Brigid behandelte uns tatsächlich ziemlich stiefmütterlich: Es gab kein Kuscheln, wir wurden weiterhin fast ausschließlich durch Bedienstete erzogen, die ausgewechselt wurden, sowie wir Vertrauen zu ihnen gefasst hatten. Während ihrer seltenen Anwesenheitsphasen sprach Brigid in kaltem Befehlston mit uns. Unser Adoptivvater, der uns freundlich und liebevoll behandelte, war noch seltener daheim als sie. Seit Brigid unsere Stiefmutter war, wurden wir streng nach dem jüdischen Ritus erzogen. Ich erinnere mich an einen Satz von ihr: „Dann müssen wir aus diesen Schweinen zumindest halbwegs vernünftige Menschen machen.“ Gespräche führten meine Eltern selten und nur hinter verschlossener Küchentür, zärtliche Gesten gab es nur in der (und vermutlich für die) Öffentlichkeit.

Wir hatten seit unserem 5. Lebensjahr ein ausgefülltes privates Bildungsprogramm, das unter anderem dreimal wöchentlich zwei Stunden Klavierunterricht von einer strengen polnischen Virtuosin umfasste, die uns bei falschen Tönen mit einem kleinen Bambusstöckchen auf die Finger schlug. Auch erhielten wir dreimal wöchentlich zwei Stunden anspruchsvollen Gesangsunterricht. Der Sabbat war frei von weltlichen Pflichten, wir lernten dann in der Thora zu lesen.

Unser Leben in den ersten Lebensjahren war zwar ungewöhnlich, aber im Vergleich zu dem, was folgen sollte, geradez