Nein, natürlich habe ich nichts dagegen, zu Fuß zu gehen, im Gegenteil, sage ich zu Albert, der mich im Hotel abholt. Albert ist Katalane, Anfang dreißig, hat dunkle Haare, braune Augen, trägt ein Jackett und einen Fünf-Tage-Bart. An zwei Tagen in der Woche arbeitet er für das Goethe-Institut Barcelona, wir sehen uns zum ersten Mal.
Wir spazieren, es ist ein warmer Abend im Mai, am neo-maurischen Arc de Triomf vorbei, durch Sant Pere und das Barri Gòtic bis zur Rambla Sant Josep. Ja, unsere Gastgeber Montse und Dietrich wohnen tatsächlich auf der Rambla, der berühmtesten Straße Barcelonas. Wir sind uns nie zuvor begegnet, – trotzdem bitten sie uns, vermittelt durch das Goethe-Institut, zu sich nach Hause. Es wird etwas zu essen geben. Ob sie nett sind? Wer wildfremde Menschen aus einem anderen Land zu sich nach Hause einlädt, kann kein böser Mensch sein, oder? Montse, so viel weiß ich, hat hier in der Stadt einmal ein kleines Theater geführt, ihr Mann Dietrich lebt seit 1979 in Barcelona und war früher Tänzer, heute hat er mit Opernproduktionen zu tun. Sie haben einen Sohn, er lebt in Berlin.
Die beiden empfangen uns oben an der Wohnungstür im vierten Stock – und ich weiß sofort, wir sind bei den freundlichsten Menschen zu Gast. Montse strahlt, Dietrich bringt die Konversation in Gang. Und obwohl wir uns solche Mühe gegeben haben, nicht zu pünktlich zu kommen, sind Albert und ich nun doch die ersten Gäste. Durch den Wohnraum werden wir auf die riesige Terrasse geführt, die sich bis vor an die Rambla erstreckt. Staunen. Ist das großartig! Es gehe sogar noch eine Etage höher, sagt Dietrich, der ursprünglich aus Ludwigshafen stammt, im Laufe des Abends aber nur ein einziges Mal, viel später, einige Sätze auf Deutsch mit mir spricht. Durchs Treppenhaus steigt er mit uns auf das Gemeinschaftsdach hinauf, früher, sagt er, sei hier die Wäsche gewaschen und getrocknet worden. Die paar Höhenmeter mehr ermöglichen die Aussicht über die Dächer der ganzen Stadt – und wie dicht bebaut sie daliegt, eingeklemmt zwischen den Bergen, dem Montjuïc und dem Meer. Dietrich, in dessen geschmeidigen Bewegungen ich nun den früheren Tänzer erkennen möchte, erzählt von einer gar nicht kleinen Hanf-Plantage, die ein Nachbar einmal auf dem Dach nebenan angelegt und von der aus es ziemlich süßlich bis in ihr Schlafzimmer hinein gerochen habe. Heute sei hier das Reich der Möwen und der Klimaanlagen. Große weiße Kästen stehen herum.
Als wir wieder unten auf der Terrasse sind, stellt Montse mich Manuela Aznar vor, einer sehr freundlichen älteren Dame, die einst ihre Französischlehrerin war. Und dann, viel später, lustigerweise auch die Lehrerin von Marta, einer 24-jährigen Filmproduzentin, die mittlerweile ebenfalls eingetroffen ist. Montse erklärt den Hinzugekommenen, dass wir heute Castellano (die Sprache, die im Deutschen Spanisch genannt wird) und nichtCatalà sprechen. – Wäre ich nicht da, fände dieser Abend selbstverständlich auf Katalanisch statt. Mir ist das nun fast ein wenig peinlich. Hätte ich doch mal Katalanisch gelernt...
Ich probiere von den schwarzen Oliven und den Sardellen, die auf einem kleinen Tisch bereitstehen. Weingläser werden gefüllt. Oliven sind gut für gute Träume, sagt die ehemalige Französischlehrerin. Und die Sardelle sei die Cousine der Sardine. Ich lerne, dass schwarze Oliven in Spanien aucholivas muertas, also tote Oliven heißen. Und dass Oliven in Spanien einst als Dessert gereicht wurden, daher, sagt Montse, heiße es imDon Quijote über jemanden, der zu spät zum Essen komme, »er komme erst zu den Oliven«. Na, dann sind wir wohl ein wenig zu spät, sage ich und stecke mir eine weitere tote Olive in den Mund. Sie schmecken köstlich. Erst jetzt fällt mir auf, wie viele Pflanzen auf dieser Terrasse blühen und duften, es ist ein kleiner Topf- und Kletterpflanzenwald. Und sehe ich nun tatsächlich einen Kolibri zu einer Blüte fliegen? Einen Kolibri? Über den Dächern von Barcelona? Oder träume ich schon, vom Wein oder von den Oliven? Nein, sagt Dietrich, es stimme schon, ein Kolibri.
Nach und nach tröpfeln weitere Gäste ein, die Terrasse füllt sich. Victoria Bermejo, Schriftstellerin und Filmemacherin, trifft ein, dann Toni Rumbau, ein Puppenspieler und Puppenspielforscher, auch er hat einmal ein Theater geleitet. Und alle sprechen Castellano, mir zuliebe. Der Wein ist kühl und gut, und ich erzähle, und das gleich einige Male, wie sehr ich mich freue, nach 17 Jahren endlich wieder hier zu sein. So lange, viel zu lange bin ich nicht in Barcelona gewesen. 1995, 1998 und 1999 habe ich jeweils ein oder zwei Monate hier verbracht und bin sicher hundert Mal an diesem Haus vorbeigekommen – ohne über