1. KAPITEL
„Was sagst du zu der, Cam? Die ist echt heiß!“
Cameron Sinclair drehte sich um und betrachtete die Frau, die an der Bar stand. Im schummrigen Licht sah man vor allem lange blonde Locken und sehr viel Dekolleté. „Dein Beuteschema, John. Viel Glück.“
Sein Freund und Geschäftspartner stolzierte Richtung Bar, wo die Blondine sich inzwischen auf einen Hocker gesetzt hatte. Der dunkle Minirock war dabei bis zur Mitte ihrer Oberschenkel hochgerutscht und gab den Blick auf schlanke, wohlgeformte Beine frei. Ihre Schuhe konnte er von hier aus nicht sehen, aber er war sich sicher, dass sie Mörderabsätze tragen würde.
Blond, kurvig und wahrscheinlich strohdumm. Wie es das Blondinenklischee versprach. Von dieser Sorte schien es hier an diesem Abend einige zu geben.
Cam nahm einen Schluck aus seiner Bierflasche und sah sich um. Es war John gewesen, der diesen Schuppen in San Francisco vorgeschlagen hatte. Er selber bevorzugte die Bars und Clubs im Silicon Valley, vor allem an einem Freitagabend nach einer anstrengenden Arbeitswoche, wenn er keine vierzig Meilen zu einer drittklassigen Bar fahren wollte.
Aber John hatte feiern wollen, und für John bedeutete Feiern „auf Beutezug gehen“. Bei seinem Frauenverschleiß hatte er die meisten Frauen im Valley wahrscheinlich schon durch, dachte Cam zynisch, obwohl er selbst seinem Freund in dieser Hinsicht kaum nachstand.
Während John allerdings immer nachder perfekten Masche vorging und sich für den größten Aufreißer in Kalifornien hielt, bevorzugte Cam die höflichere Annäherung in gegenseitigem Einvernehmen. Gerne auch auf Augenhöhe, aber er hatte in den letzten Jahren feststellen müssen, dass es wenige Frauen gab, die ihm diesbezüglich das Wasser reichen konnten. Das mochte arrogant klingen, aber er war nicht umsonst mit Anfang dreißig CEO einer der erfolgreichsten Firmen im Silicon Valley.
Seine Flasche war leer. Cam warf einen Blick Richtung Bar, wo John sich gerade neben der Blondine in typische Pick-up-Artist-Positur geworfen hatte. Die Frau hatte den Kopf leicht geneigt, als höre sie ihm zu, sah ihn dabei aber auch nicht an. Noch schien sein Freund ihr Interesse nicht geweckt zu haben.
Ungewöhnlich. Meistens erlagen ihnen beiden die Frauen schnell. Dass sie gut aussehend und erfolgreich waren, half sicher, da machte er sich nichts vor. Oft genug waren es sogar die Frauen, die den ersten Schritt machten.
Eine Bedienung war nicht zu sehen. Cam drängte sich zum Tresen durch, nur wenige Schritte von den beiden entfernt, und bestellte ein weiteres alkoholfreies Bier. John hatte gleich mit den harten Drinks angefangen, und einer von ihnen musste schließlich zurückfahren.
Oder auch nicht. Cam ließ seinen Blick über die Menge schweifen, während er auf seinen Drink wartete. Ein typischer Abschleppschuppen, wie ihm schien. Obwohl es noch relativ früh am Abend war, hing eine Atmosphäre von Verzweiflung in der Luft, ein Hauch von Gefallen-Müssen, Jemanden-Finden-Müssen, was ihm zuwider war. Ja, er schleppte gerne und oft Frauen ab. Aber nicht solche, die es so dringend nötig hatten, dass sie sich auf das tiefe Niveau begeben mussten, das hier vorherrschte.
Das war mehr Johns Welt. Mit gemischten Gefühlen hörte Cam, wie sein Partner der Frau abwechselnd erzählte, wie toll er sei, und sie disste. Ein Alphamännchen auf Beutezug.
Cam verstand nicht, wieso manche Männer Frauen bewusst verbal herabsetzen, um sich in ihren Augen interessanter zu machen. Meistens hatte sein Freund damit Erfolg. Für Männer wie John waren Frauen in solchen Etablissements ein gefundenes Fressen. Zu vielen von ihnen mangelte es an Selbstbewusstsein, und sie ließen sich von einem widerlichen Kerl nach dem anderen zur Schnecke machen, während sie verzweifelt nach Liebe suchten.
Nun, diese Art von Frauen brauchte er nicht. Sollte John sie haben. Er selbst bevorzugte selbstsichere Frauen, die wussten, was sie wollten, und durchaus auch mal Kontra geben konnten.
Bisher schlug die Blondine sich allerdings wacker. Er sah sie zwar nur von hinten, aber er merkte, dass