: Guy Helminger
: Nicolas Ehler
: Hausbesuch Zu Besuch
: Frohmann Verlag
: 9783947047161
: 1
: CHF 2.70
:
: Europa
: Dutch
: 236
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Über sieben Monate hinweg brachte das vom Goethe-Institut initiierte Projekt zehn bekannte Autorinnen und Autoren aus den Ländern Portugal, Spanien, Frankreich, Luxemburg, Belgien, Italien und Deutschland mit Privatleuten ins Gespräch. So sind zehn literarische Miniaturen entstanden: Guy Helminger begeistert in Porto junge Tattoo-Künstler mit dem Gesang seiner Gedichte. In Freiburg trifft er auf fanatische Fans des SC Freiburg und ist zu Gast bei syrischen Flüchtlingen. A lo largo de siete meses, el proyecto impulsado por el Goethe-Institut ha invitado a diez escritores reconocidos de Portugal, España, Francia, Luxemburgo, Bélgica, Italia y Alemania a encontrarse con ciudadanos de estos países. El resultado fueron diez miniaturas literarias: Guy Helminger quedó cautivado por la música y los poemas de un joven tatuador de Oporto. En Friburgo conoció a un grupo de aficionados fanáticos del SC Freiburg y tuvo como anfitriones a unos refugiados sirios. Pendant plus de sept mois, ce projet du Goethe-Institut a mis en contact dix écrivains connus, de sept pays différents (Allemagne, Belgique, Espagne, France, Italie, Luxembourg, Portugal) avec des personnes, dans l'intimité de leur foyer. Il revenait ensuite aux écrivains de raconter par l'écriture les expériences qu'ils avaient vécues. C'est ainsi que dix miniatures littéraires ont vu le jour : A Porto, Guy Helminger enchante de jeunes artistes tatoueurs en leur chantant ses poèmes. A Fribourg, il rencontre des fans du SCF Fribourg et il est reçu par des réfugiés syriens. Per sette mesi, il progetto avviato dal Goethe-Institut ha permesso a dieci autrici e autori noti - provenienti dal Portogallo, dalla Spagna, dalla Francia, dal Lussemburgo, dal Belgio, dall'Italia e dalla Germania - di incontrare e parlare con molti privati cittadini. Così si sono delineate dieci miniature letterarie: Guy Helminger ha fatto entusiasmare vari giovani artisti tatuatori a Porto con il canto delle sue poesie. A Friburgo si è imbattuto nei tifosi dell'SC Freiburg ed è stato ospite di profughi siriani. Dit project, een initiatief van het Goethe-Institut, bracht over een periode van zeven maanden tien bekende schrijfsters en schrijvers uit Portugal, Spanje, Frankrijk, Luxemburg, België, Italië en Duitsland met mensen in gesprek. Op die manier ontstonden tien literaire miniaturen: In Porto brengt Guy Helminger jonge tattookunstenaars in vervoering door de zang van zijn gedichten. In Freiburg ontmoet hij fanatieke supporters van SC Freiburg en is hij te gast bij Syrische vluchtelingen. Durante sete meses, o projecto da iniciativa do Goethe-Institut levou dez autoras e autores conhecidos, vindos de Portugal, Espanha, França, Luxemburgo, Bélgica, Itália e Alemanha, para encontros com pessoas comuns. Surgiram assim dez miniaturas literárias: Guy Helminger entusiasma artistas de tatuagem no Porto com a entoação dos seus poemas. Em Freiburg, encontra-se com adeptos fanáticos do SC Freiburg e é o convidado de refugiados sírios.

Guy Helminger
Zu Besuch


»Herr Helminger! Alles in Ordnung? Wollen Sie noch bleiben?«

Der Mann im Bett wachte auf, schaute ins Dunkle. Vor der Tür hörte er einen Staubsauger. Er tastete nach seinem Handy, fühlte den Sockel der Nachttischlampe.

»Ja«, kam es aus seinem Mund. Dann schlief er wieder ein.

 

Als der Mann erneut die Augen öffnete, war es noch immer dunkel. Er setzte sich auf, schaltete das Licht der Nachttischlampe ein. In seinem Kopf spürte er Räume, die er so nicht kannte, als hätten Teile seines Gehirns sich verschoben. Er war angezogen. Sogar die Schuhe hatte er noch an. Sein Mobiltelefon lag nicht auf dem Tischchen. Er torkelte langsam zu einer der Jalousien, zog sie hoch. Draußen war Nacht. Unten im Park standen Weinreben.

»Okanagan Riesling«, sagte der Mann gegen das runde Fenster. Die beiden Wörter klangen seltsam verwischt. In einem der neuen Räume tauchte weiterer Text auf: »Die Kreuzungseltern sind nicht bekannt. … Die Sortenbezeichnung ist irreführend. Es handelt sich um eine Hybride und nicht um die Sorte Riesling.«

Über dem Bett hingen zwei Kirchtürme im Sonnenuntergang. Licht: Freiburg. Er war in Freiburg. ProjektHausbesuch. Goethe-Institut. Er war Schriftsteller, schaute auf seine Hände, als müsse er Tinte an den Fingern finden, Stellen, die seine Annahme bestätigten. Auch auf dem gelben Sofa lag kein Handy. Er schaute nach seiner Jacke. Das Gehen ließ ihn schaukeln. Er trat auf, als könnte der Boden nachgeben, versuchte den Fuß fester aufzusetzen. Es misslang. Die Jacke lag neben dem Fernseher. Die Brieftasche fehlte. Sein Herz schlug lauter. Er öffnete den Mund, atmete tief ein, ging ins Badezimmer. Sein Gesicht sah aus wie immer, nur über die rechte Wange zog sich ein geröteter Streifen bis hin zum Auge, als habe der Kissenrand versucht, in ihn einzudringen. Im Spiegel tauchte jemand auf, der ihn ins Bett legte. Dann war das Bild verschwunden. Der Mann zog den Hebel am Wasserhahn nach oben. Das Fließgeräusch tat gut.

 

»Das ist Herr Sheikho«, stellte die Leiterin des Freiburger Goethe-Institutes den Mann aus Syrien vor. Die gedrehten Locken fielen ihr auf die Schultern, als gäbe es dort Weinflaschen zu öffnen. Weiter hinten spielten Männer Volleyball über eine gespannte Wäscheleine. Der Ort hatte etwas Trostloses. Herr Sheikho bat seine Gäste ins Heim. In der Küche waren mehrere Tische aneinandergereiht worden. Darauf standen Speisen aus den Herkunftsländern der Männer, die sich hinsetzten.

»Alle übers Meer geflohen«, sagte der Dolmetscher. »Sie haben für Sie gekocht. Da war keine Frau am Herd.« Er wiederholte den Satz auf Arabisch. Die Männer lachten. Der Schriftsteller aß viel. Das Essen erinnerte ihn an die Speisen in einem libanesischen Restaurant in Köln. Manches an den Gerichten sei ähnlich, bestätigte der Dolmetscher, aber das hier sei aus ihrer Heimat.

Einige erzählten von ihren Berufen. Ein Zahnarzt war dabei, Studenten, Herr Sheikho war Dramatiker und hatte in Damaskus Theaterkritiken geschrieben. Dann meldete sich ein Mann in weißem Unterhemd mit Goldkettchen um den Hals zu Wort, lehnte sich über den Tisch, stach mit der Hand in den Raum. Obwohl der Schriftsteller ihn nicht verstand, fühlte er, wie die Küche sich veränderte, die Worte von den Wänden zurücksprangen, aufgeraut zwischen den Speisen liegen blieben. Er wartete auf die Übersetzung. Sie war wirr.

Herr Sheikho sprach auf den Mann ein, freundlich, gelassen.

»Seine Familie ist noch in Syrien«, sagte der Dolmetscher.

»Die der anderen Anwesenden auch«, antwortete der Schriftsteller.

Der Mann im Unterhemd redete weiter.

Das Wort schien ihm ein Schleudergegenstand zu sein. Der Dolmetscher versuchte zu übersetzen.

Der Mann im Unterhemd redete weiter.

Die Leiterin des Goethe-Institutes sagte in seine Richtung: »Jetzt lassen Sie ihn doch mal übersetzen.«

Der Mann redete weiter.

Der Zahnarzt mischte sich ein. In der Küche zeigten sich Risse, nicht sichtbar an den Wänden, aber sie waren da. Herr Sheikho ergriff erneut das Wort und entließ es. Ruhig glitt es über den Tisch. Der Mann drehte sein Goldkettchen am H