Guy Helminger
Zu Besuch
»Herr Helminger! Alles in Ordnung? Wollen Sie noch bleiben?«
Der Mann im Bett wachte auf, schaute ins Dunkle. Vor der Tür hörte er einen Staubsauger. Er tastete nach seinem Handy, fühlte den Sockel der Nachttischlampe.
»Ja«, kam es aus seinem Mund. Dann schlief er wieder ein.
Als der Mann erneut die Augen öffnete, war es noch immer dunkel. Er setzte sich auf, schaltete das Licht der Nachttischlampe ein. In seinem Kopf spürte er Räume, die er so nicht kannte, als hätten Teile seines Gehirns sich verschoben. Er war angezogen. Sogar die Schuhe hatte er noch an. Sein Mobiltelefon lag nicht auf dem Tischchen. Er torkelte langsam zu einer der Jalousien, zog sie hoch. Draußen war Nacht. Unten im Park standen Weinreben.
»Okanagan Riesling«, sagte der Mann gegen das runde Fenster. Die beiden Wörter klangen seltsam verwischt. In einem der neuen Räume tauchte weiterer Text auf: »Die Kreuzungseltern sind nicht bekannt. … Die Sortenbezeichnung ist irreführend. Es handelt sich um eine Hybride und nicht um die Sorte Riesling.«
Über dem Bett hingen zwei Kirchtürme im Sonnenuntergang. Licht: Freiburg. Er war in Freiburg. ProjektHausbesuch. Goethe-Institut. Er war Schriftsteller, schaute auf seine Hände, als müsse er Tinte an den Fingern finden, Stellen, die seine Annahme bestätigten. Auch auf dem gelben Sofa lag kein Handy. Er schaute nach seiner Jacke. Das Gehen ließ ihn schaukeln. Er trat auf, als könnte der Boden nachgeben, versuchte den Fuß fester aufzusetzen. Es misslang. Die Jacke lag neben dem Fernseher. Die Brieftasche fehlte. Sein Herz schlug lauter. Er öffnete den Mund, atmete tief ein, ging ins Badezimmer. Sein Gesicht sah aus wie immer, nur über die rechte Wange zog sich ein geröteter Streifen bis hin zum Auge, als habe der Kissenrand versucht, in ihn einzudringen. Im Spiegel tauchte jemand auf, der ihn ins Bett legte. Dann war das Bild verschwunden. Der Mann zog den Hebel am Wasserhahn nach oben. Das Fließgeräusch tat gut.
»Das ist Herr Sheikho«, stellte die Leiterin des Freiburger Goethe-Institutes den Mann aus Syrien vor. Die gedrehten Locken fielen ihr auf die Schultern, als gäbe es dort Weinflaschen zu öffnen. Weiter hinten spielten Männer Volleyball über eine gespannte Wäscheleine. Der Ort hatte etwas Trostloses. Herr Sheikho bat seine Gäste ins Heim. In der Küche waren mehrere Tische aneinandergereiht worden. Darauf standen Speisen aus den Herkunftsländern der Männer, die sich hinsetzten.
»Alle übers Meer geflohen«, sagte der Dolmetscher. »Sie haben für Sie gekocht. Da war keine Frau am Herd.« Er wiederholte den Satz auf Arabisch. Die Männer lachten. Der Schriftsteller aß viel. Das Essen erinnerte ihn an die Speisen in einem libanesischen Restaurant in Köln. Manches an den Gerichten sei ähnlich, bestätigte der Dolmetscher, aber das hier sei aus ihrer Heimat.
Einige erzählten von ihren Berufen. Ein Zahnarzt war dabei, Studenten, Herr Sheikho war Dramatiker und hatte in Damaskus Theaterkritiken geschrieben. Dann meldete sich ein Mann in weißem Unterhemd mit Goldkettchen um den Hals zu Wort, lehnte sich über den Tisch, stach mit der Hand in den Raum. Obwohl der Schriftsteller ihn nicht verstand, fühlte er, wie die Küche sich veränderte, die Worte von den Wänden zurücksprangen, aufgeraut zwischen den Speisen liegen blieben. Er wartete auf die Übersetzung. Sie war wirr.
Herr Sheikho sprach auf den Mann ein, freundlich, gelassen.
»Seine Familie ist noch in Syrien«, sagte der Dolmetscher.
»Die der anderen Anwesenden auch«, antwortete der Schriftsteller.
Der Mann im Unterhemd redete weiter.
Das Wort schien ihm ein Schleudergegenstand zu sein. Der Dolmetscher versuchte zu übersetzen.
Der Mann im Unterhemd redete weiter.
Die Leiterin des Goethe-Institutes sagte in seine Richtung: »Jetzt lassen Sie ihn doch mal übersetzen.«
Der Mann redete weiter.
Der Zahnarzt mischte sich ein. In der Küche zeigten sich Risse, nicht sichtbar an den Wänden, aber sie waren da. Herr Sheikho ergriff erneut das Wort und entließ es. Ruhig glitt es über den Tisch. Der Mann drehte sein Goldkettchen am H