Der Hund hob den Kopf und schnupperte in die kühle Nachtluft. Er witterte etwas Fremdes, Bedrohliches. Jetzt knurrte er leise. Bellen würde er nicht. Kein Hofhund hier draußen tat das. Es sei denn, auf dem Hof brannte es. Der Hund knurrte erneut. Da war dieser Geruch, der ihm stärker und stärker in die Nase fuhr. Schwer und erdig war er. Von Menschen. Ja, genauso rochen Menschen. Nur, warum kamen sie nicht über die Straße auf den Hof? Wo der Hund sie schon von Weitem sehen konnte? Warum witterte er ihren Geruch stattdessen aus dem nahen Wald? Mitten in der Nacht? Der Hund sah Schatten, die auf die Hofseite zuschlichen, wo sie den Zaun erreichten und darüberkletterten. Da vergaß der Hund mit einem Mal, was man ihm beigebracht hatte. Seinem Instinkt folgend, bellte er doch. Laut. Ein leiser Fluch war zu hören, und dann bellte der Hund nicht mehr.
Im Haus schreckte der Bauer in seinem Bett auf und horchte.
»Was ist?«, fragte seine Frau schlaftrunken neben ihm.
Der Bauer horchte noch immer. »Der Hund hat angeschlagen.«
Er stieg aus dem Bett und trat zu einem der Fenster. Nur einen Spalt weit öffnete er die Luke und blickte angestrengt hinaus. Kühle Nachtluft strömte herein, doch sosehr er sich auch anstrengte, er konnte nichts erkennen. Aber er spürte, dass da etwas war. Und das Gefühl wurde immer stärker. Der Hund hatte nicht wieder gebellt, und er hörte ihn auch nicht über den Hof laufen, nur von der langen Kette gehalten, die ihn vier große Fuder Heu gekostet hatte. Nein, es war und blieb seltsam. Der Hund war still, und auch die über die Erde schleifende Eisenkette war nicht zu hören. Hastig schloss der Bauer die Fensterluke wieder.
»Auf, Frau, auf! Los doch!«, zischte er hastig.
Sie fuhr in die Höhe, und im fahlen Dämmerlicht glaubte er, ihren ängstlichen Blick zu erkennen.
»Weck die Kinder!«, befahl er.
»Was ist denn los?«
»Ich weiß es nicht, aber weck sie auf. Schnell! Wir laufen zum dunklen Grund hinunter.«
Hastig stieg die Frau aus dem Bett und tappte an die offene Feuerstelle in der Wand. Dort war noch etwas Glut, und als sie mit einem Holz darin herumstocherte, züngelten ein paar winzige Flammen empor und spendeten so ein klein wenig Licht.
»Mach schon!«, drängte er, während er hastig in seine Kleider schlüpfte.
Die Kinder, die gleich neben dem warmen Kamin schliefen, schreckten der Reihe nach auf. Das Jüngste fing leise an zu greinen. Doch die Frau war schon bei ihm und nahm es tröstend in den Arm. Nur ein paar Augenblicke später war die Familie aus dem Haus und hastete über den Hof die wenigen Schritte neben der großen Linde hinein in den dichten Wald. Der Bauer folgte als Letzter und hatte noch die Geistesgegenwart besessen, nach der langstieligen Axt neben der Tür zu greifen.
Plötzlich fuhr hinter ihm fauchend ein heller Lichtschein empor. Der Bauer wandte sich noch einmal um und sah das Dach des Hauses brennen. Die Flammen waren so hoch, wie er noch nie zuvor ein Feuer hatte brennen sehen. Und dann hörte er plötzlich raue Stimmen, wütende Befehle schallten durch die Nacht, und da wusste der Bauer, dass er seinen Hund nie mehr hören würde.
»Feuer! Feuer! Es brennt beim Greiner!«
Der Türmer schrie laut in den Hof hinunter, immer wieder die gleichen Worte. Die Burg erwachte in wenigen Augenblicken. Die Glocken der Kapelle auf Greifenberg läuteten Sturm. Der Türmer rief nun nichts mehr, sondern blickte angestrengt von seinem Platz über das stockfinstere Land. Die Feuerlohe war trotz der Entfernung genau zu erkennen. Nein, kein Zweifel, es brannte beim Greiner, und wenn die Flammen so hell und mächtig bis hier auf der Burg zu sehen waren, dann musste dort ein wahrhaft großes Feuer wüten.
Wolf musste von niemandem geweckt werden, denn er hatte bei all dem Aufruhr als einer der Ersten die Tür zu seiner Kammer aufgerissen. Im Beinkleid und einer Decke um die nackten Schultern stieg er auf den Wehrgang hinauf, von dem aus man bis zum Burgfried, der höchsten Spitze der Burg, gelangte. Als er in der Dunkelheit beim Türmer eintraf, rückte dieser bei Wolfs Anblick eilig seinen Helm gerade. Wolf schien es nicht zu bemerken. Er trat an die Mauer und beschirmte mit einer Hand die Augen. Das hell lodernde Feuer war ganz deutlich zu erkennen, und ohne Zweifel kam es aus der Richtung, wo der Greinerhof lag.
»Wann hast du das Feuer bemerkt?«, fragte Wolf den Türmer.
»Gleich als es losging, Herr. Es ist noch nicht lange her.«
Wolf drehte sich langsam zu ihm um. »Das will ich für dich auch hoffen.«
»Aber, Herr Graf. Es ist bestimmt so, denn ich bin noch nicht lange auf dem Posten und ...«
Der Türmer verstummte und sah Wolf an in der Hoffnung, er würde noch etwas sagen. Doch der Graf trat an ihm vorbei und verschwand die Treppe hinunter.
Da spürte der Türmer sein Herz schneller schlagen. Gott im Himmel, dieser Mann machte ihm mehr Angst als jedes noch so große Feuer. Selbst wenn es so groß war wie das dort am Höhenzug, wo der Greiner Hans mit seiner Familie lebte.
Frieder kannte diesen Weg seit seiner Kindheit. Denn es gab eine fast vergessene schmale Tür am Fuß der Burgmauer. Er hatte sie als Kind