Jennifer Anders
3Einflüsse auf die Mobilität im Alter
3.1Vorbemerkungen
Diese Buchreihe richtet sich an alle Gesundheitsberufe, die direkt in der Versorgung älterer Menschen tätig sind – oder an alle, die mehr über diese Lebensphase wissen wollen. Dazu wurden aktuelle Ergebnisse der Versorgungsforschung und klinischer Forschung für die Umsetzung in der Praxis der Patientenversorgung aufbereitet.
Dieses Buch ist Teil einer Reihe von Publikationen, die neben wissenschaftlichen Artikeln in Fachzeitschriften einer breiten Leserschaft Ergebnisse und praktische Anwendungen der Hamburger Langzeitstudie zum Älterwerden nahe bringen soll. Eine Übersicht dazu findet sich auf der Homepage der Studie im Internet unter www.geriatrie-forschung/LUCAS.de. LUCAS, die Longitudinale Urbane Cohorten-Alters-Studie, verfolgt bereits seit dem Jahr 2000 den Alterungsprozess einer repräsentativen Kohorte älterer Hamburger Bürgerinnen und Bürger [1]. Dabei sind neben langer Beobachtungszeit die Komplexität der erfassten Einflüsse auf das Wohlergehen der älteren Teilnehmer und ihre interdisziplinäre Interpretation besondere Merkmale der Studie [2]. Auch erlauben unter kontrollierten Bedingungen eingebettete Interventionen an bestimmten Stichproben der Kohorte umfassende Einsichten in die Thematik und insbesondere die zeitnahe Umsetzung in praktische Angebote zur Gesundheitsförderung und gezielten medizinischen Begleitung älterer Menschen [3].
3.2Zum Begriff der Mobilität
Der vorliegende Band widmet sich dem Schwerpunkt Mobilität im Alter. Dazu seien einige Vorbemerkungen gestattet. Bereits auf zellulärer Ebene ist die Fähigkeit zur (gezielten) Fortbewegung neben denen zur Ernährung und Vermehrung eine von drei obligaten Anforderungen an eigenständige Lebensformen vom Bakterium bis zu den höheren Organismen wie den Wirbeltieren. Mit der Komplexität eines Organismus nimmt auch die Komplexität dieser drei Grundeigenschaften zu.
Auf den Menschen angewandt, ermöglichen sie flexible Anpassung auch an schwierige oder wechselnde Umweltbedingungen, den Erhalt der Homöostase und persönlichen Autonomie über das Überleben hinaus als handelndes Subjekt innerhalb einer sozialen Gemeinschaft mit den Möglichkeiten persönlicher Entfaltung und Sinnfindung, Kommunikation und Weitergabe von Gefühlen, Wertvorstellung und Fähigkeiten [4].
Intakte Mobilität ist nicht immer Voraussetzung, aber erleichtert diese Fähigkeiten zumindest wesentlich. Diese bezieht auch psychische „Beweglichkeit“ mit ein, da im Unterschied zum Tierreich ältere Menschen auch nach der Phase der organisch-körperlichen Vermehrung die emotionale und bildende Fürsorge für die jüngeren Nachkommen als existenzielle Merkmale unserer Spezies wahrnehmen. Gerade die älteren Generationen sind bei nachlassenden körperlichen Kräften aufgrund der in Kriegszeiten fast regelhaft erlittenen Traumata in Verbindung mit persönlichen Schicksalsschlägen wie Scheidung oder Verwitwung psychisch vulnerabler [5].
„Mobilität“ ist ein Begriff, der im jeweiligen Kontext einer Fachsprache unterschiedliche Bedeutungen annehmen kann. Mobilität (vom lateinischen „mobilitas“-„Beweglichkeit“) umschreibt die Fähigkeit von Menschen (oder Lebewesen), ihren Standort zwischen verschiedenen Zuständen in ihrer natürlichen oder sozialen Umwelt zu verändern [6].
So meint soziale Mobilität den Wechsel von Personen zwischen sozialen Positionen, oder die intergenerationale Mobilität beschreibt den Schichtwechsel in der Generationenfolge [7]. Arbeitgeber setzen eine Bereitschaft des Wohnortwechsels zugunsten des Arbeitsmarktes oft mit dem Begriff flexible Mobilität des Arbeitnehmers gleich.
Im allgemeinen Sprachgebrauch wird der Begriff Mobilität oft in einer missverständlich verkürzten Weise verstanden, so etwa, über ein Auto zu verfügen oder über ein Mobiltelefon (immer und überall) erreichbar zu sein. Obwohl beide Punkte wichtige Facetten von Mobilität im modernen Leben darstellen [8], sind sie ungeeignet, Komplexität und Bedeutung des Themas für alternde Menschen zu erklären. Im Gegenteil, gerade die erwähnten Punkte verlieren im Alter teils an Bedeutung, wogegen körperliche Gesichtspunkte wie die Fähigkeit zur Bewegung eines Gelenkes im Sinne der Mobilität einer Extremität entscheidend Einfluss nehmen können.
Im Kontext von Betrachtungen zum Alter und deren wissenschaftlicher Begründung im Rahmen von LUCAS istMobilität ein Schlüsselthema. FolgendeDefinition hat sich dazubewährt:Mobilität bedeutet die Fortbewegung zur Planung und Durchführung von Aktivitäten im Handlungsraum einer Person aus eigener Kraft und Antrieb in Anpassung an die Umweltbedingungen.
Dieser Ansatz bezieht sich auf andere Definitionen, die die aktive Mobilität (etwa die Fortbewegung mit dem Rad oder zu Fuß) von Formen der passiven Mobilität (sic