Neben den vielen Lesungen, die ich in Buchhandlungen, Bibliotheken, Schulen, Kirchen, Scheunen und Cafés erlebt habe, waren auch eine oder zwei dabei, die als »Hausbesuch« überschrieben waren. Die Gastgeber gaben ihre Wohnung für die Veranstaltung frei, und das Publikum kam über eine geheimnisvolle Gästeliste zusammen. Die Zuhörer mussten ihre Straßenschuhe an der Türschwelle ausziehen. Besonders Erfahrene hatten Hausschuhe in Stofftüten mitgebracht, der Rest saß in Socken da.
Ich durfte damals meine Stiefel anbehalten und bekam zum Vorlesen den besten Wohnzimmersessel. Die Stehlampe leuchtete mir ins Gesicht, ein Mikro fehlte naturgemäß, und die Hälfte der Zuhörer hatte, fürchte ich, nur wenig von meinem Vortrag verstanden. Gesehen auch nicht, weil das Wohnzimmer um die Ecke ging. Als anschließend in der Küche das Buffet eröffnet wurde, flüchtete ich. Eine Lesung gehört auf neutralen Boden, dachte ich in jenem Moment, für mich jedenfalls.
Hausbesuch, schloss ich daraus, ist eher nicht mein Format. Diese Haltung bewährte sich einige Jahre. Dann kam eine E-Mail vom Goethe-Institut, die das Wort Hausbesuch in der Betreff-Leiste hatte. E-Mails von Goethe-Instituten liebe ich sehr, vor allem die Visitenkarten der Absender. »39 rue de la Ravinelle« – das hat was. Die Einlad