: Ulrike von Lersner, Jan Ilhan Kizilhan
: Kultursensitive Psychotherapie
: Hogrefe Verlag GmbH& Co. KG
: 9783844427554
: 1
: CHF 15.30
:
: Psychologie
: German
: 107
: Wasserzeichen/DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB/PDF
In Zeiten zunehmender Globalisierung spielt kulturelle Vielfalt auch in der Psychotherapie eine immer größere Rolle. Das Buch liefert eine Einführung in die kultursensitive Psychotherapie. Es regt dazu an, sich kultureller Normen bewusst zu werden und über die eigene kulturelle Eingebundenheit zu reflektieren. Der Band macht deutlich, welchen Stellenwert der Faktor Kultur in der Behandlung haben kann und wie darauf konstruktiv, d. h. interkulturell kompetent, eingegangen werden kann. Anhand von Beispielen wird vermittelt, wie eine kultursensible Diagnostik und Psychotherapie durchgeführt und damit kulturellen Missverständnissen vorgebeugt werden kann. Zunächst werden die Themen Kultur, Migration und interkulturelle Kompetenz von Psychotherapeuten erörtert. Im Weiteren geht es um kulturspezifische Aspekte des Erlebens und Verhaltens von Menschen und um die Besonderheiten, die sich daraus in der Zusammenarbeit mit Patienten ergeben können. In kompakter Form wird aktuelles Wissen zu kulturspezifischen Besonderheiten psychischer Erkrankungen und den Umgang damit dargestellt. So hat der kulturelle Hintergrund beispielsweise einen Einfluss auf die Präsentation von Symptomen durch und auf die Heilungserwartungen von Klienten. Ebenso werden relevante diagnostische Verfahren, psychotherapeutische Möglichkeiten und Auswege aus möglichen Kulturfallen aufgezeigt.

2 Relevante Theorien und Modelle1


2.1 Interkulturelle Kompetenz


Um Therapien im transkulturellen Setting erfolgreich durchzuführen, ist eine interkulturelle Kompetenz des Behandelnden eine notwendige Ausgangsbasis. Die Frage, welche Fähigkeiten und Fertigkeiten hierunter zu fassen sind, wird aufgrund der verschiedenen zugrunde liegenden Kulturbegriffe (vgl.Kapitel 1) unterschiedlich beurteilt. Während zum Beispiel Wirtschaftsvertreter in interkulturellen Trainings sehr spezifisch auf einen Kontext (Land, Geschäftszweig, Verhandlungsziel) geschult werden, greift dieser Ansatz in der Psychotherapie aufgrund der Vielfalt der Klienten und ihrer individuellen Problemstellungen zu kurz. Das vorliegende Buch orientiert sich an einem dynamischen Kulturbegriff, wie er imKapitel 1 erläutert wurde.

|14|Begriffsklärung: Interkulturelle Kompetenz

Interkulturelle Kompetenz wird definiert als die Fähigkeit, effektiv mit Menschen, die über andere kulturelle Hintergründe verfügen, umzugehen und zusammenzuarbeiten, wobei dies auf beiden Seiten als gelungene interkulturelle Kommunikation empfunden werden sollte.

Dabei muss keinesfalls eine neue Psychotherapie für Patienten mit Migrationshintergrund gelehrt oder umfangreiches Wissen über kulturelle Unterschiede erlernt werden (Gavranidou& Abdallah-Steinkopff, 2007). Gavranidou und Abdallah-Steinkopff sprechen vielmehr vom Erlernen der Fähigkeit einer kultursensitiven Anwendung psychotherapeutischer Methoden. Kultursensitivität soll demnach ein Zustand der erhöhten Reflexionsbereitschaft und kritischen Haltung gegenüber der eigenen Arbeit und gleichzeitig eine Unvoreingenommenheit und Offenheit gegenüber den Anliegen der Patienten sein.

Die persönlichen Einstellungen und Erfahrungen der interkulturell kompetenten Person werden zurückgestellt und es besteht die Bereitschaft, Stereotype und Vorurteile zu revidieren und Neues zu erlernen. Grundvoraussetzung hierfür sind die drei therapeutischen Basiskompetenzen nach Rogers, d. h. Wertschätzung, Empathie und Authentizität.

Das Säulenmodell

Interkulturelle Kompetenz setzt sich zusammen aus den Säulen Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten (vgl.Abbildung 4).

Laut der Leitlinien für interkulturelle Kompetenz in der Psychotherapie im deutschsprachigen Raum (von Lersner et al., 2016) zählen zuWissen, welches dieerste Säule darstellt, beispielsweise Kenntnisse zu zentralen Grundbegriffen, zu Migrationskonzepten oder zur Rolle von Sprache und Sprachbarrieren in der Psychotherapie. Als relevant erachtet wird ebenfalls Wissen zu Besonderheiten der Diagnostik und Anamneseerhebung sowie zu Konzepten von Vorurteilsbildung, Rassismus und Diskriminierung, die eine Rolle spielen können. Von zentraler Bedeutsamkeit ist das Wissen über die eigene kulturelle Eingebundenheit, das heißt ein Bewusstsein über eigene kulturelle Normen. Ebenfalls gefordert wird ein Wissen über die Herkunftskultur des Patienten, d. h. über die Rolle von Religion und Spiritualität, politische Hintergründe im Lebensumfeld des Klienten, Rollenverständnis und Familienstrukturen, Tabus und Werte etc.

Wie bereits deutlich wird, handelt es sich hierbei um eine schier unüberschaubare Menge an Wissen, die erworben werden müsste, wenn man die Vielfalt der Kulturen betrachtet, aus denen Menschen stammen können. Dies ist für den einzelnen Behandler quasi nicht realisierbar. Einige Au|15|toren diskutieren in diesem Zusammenhang auch die Gefahr von Wissen bzw. zu viel Wissen. Es wird argumentiert, dass Vorwissen Stereotype herausbilden könne, die dann auf einen individuellen Vertreter einer Kultur angewandt werden, ohne bei dieser Person in dieser Ausprägung vorhanden zu sein. Autoren wieMecheril (2010) propagieren die „Kompetenzlosigkeitskompetenz“ und bevorzugen die offene und empathische Haltung des Therapeuten gegenüber der Lebenswelt des Klienten, was hinreichend sei für eine gelingende

Kultursensitive Psychotherapie1
Inhaltsverzeichnis7
1Kultursensitive Psychotherapie9
1.1Leitgedanken von kultursensitiver Psychotherapie10
1.1.1Definition Kultur10
1.1.2Universalität versus Diversität14
1.2Entwicklungsgeschichte der Kultursensitiven Psychotherapie16
1.3Migration17
1.3.1Migrationstypologien17
1.3.2Psychologische Phasen der Migration und deren Folgen18
1.4Epidemiologie psychischer Erkrankungen unter Migranten19
1.5Psychosoziale Versorgung20
2Relevante Theorien und Modelle21
2.1Interkulturelle Kompetenz21
2.2Rolle von Status und Machtgefälle im ­transkulturellen Setting26
2.3Theorie der sozialen Identität27
2.4 Stereotype und Vorurteile im interkulturellen Therapiesetting30
2.5Kulturspezifische Einflüsse auf therapierelevante Basisvariablen menschlichen Verhaltens34
2.5.1Konzeption des Selbst34
2.5.2Erklärungsmodelle psychischer Erkrankungen36
2.5.3Kultur in diagnostischen Klassifikationssystemen38
2.5.4Interkulturelle Kommunikation40
2.5.5Emotionsausdruck44
3Diagnostik und Indikation46
3.1Indikation für kultursensitives Vorgehen46
3.2Konkretes diagnostisches Vorgehen in der Praxis46
3.3Cultural Formulation Interview48
3.4 Störungsspezifische Diagnostik im interkulturellen Kontext49
3.4.1Depression49
3.4.2Somatisierungsstörung50
3.4.3Schizophrenie50
3.5Intelligenzdiagnostik52
3.6Computergestützte Testdiagnostik53
3.7 Mögliche verzerrende Einflüsse auf den diagnostischen Prozess53
4Behandlung55
4.1 Kulturspezifische Besonderheiten, die in der Behandlung berücksichtigt werden sollten55
4.1.1Die Rolle des Familiensystems55
4.1.2Rolle von Erwartungen57
4.1.3Therapieziele und Motivation58
4.1.4Einsatz von Sprachmittlern59
4.2Kultursensitive Behandlung im Überblick61
4.3Ausgewählte Krankheitsbilder63
4.3.1Schizophrenie64
4.3.2Angststörungen67
4.3.3Posttraumatische Belastungsstörung72
4.3.3.1Narrative Expositionstherapie73
4.3.3.2Kultursensitive Narrative Traumatherapie75
4.3.4Depression77
4.3.5Somatoforme Störungen83
4.4Varianten der Methode: Spezifische Zielgruppen85
4.4.1Situation von Geflüchteten85
4.4.2Ältere Migrantinnen und Migranten87
4.5Schwierigkeiten bei der Durchführung88
5Effektivität und Prognose92
6Ausblick94
7Weiterführende Literatur95
8 Literatur95
9Anhang103
Karte: Kurzexploration in Anlehnung an das CFI-Interview des DSM-5108