Lakriels Spiegel
Gorkonai
Mit Geschepper warf Nelei ihre Waffen auf die Truhe. Die Armbrust blieb dort liegen, doch die Schwerter klirrten auf den Holzboden. Nelei beachtete es nicht. Sie trat zu der großen Schüssel und schüttete sich mit beiden Händen Wasser ins Gesicht.
Es war ein später Sommertag, mehr schon Herbst, noch immer mild und angenehm. Breite Sonnenstrahlen fielen durch das opake Dachfenster in ihr Zimmer und fröhliche Stimmen von Kindern drangen hinein. Die Morgenluft roch nach dem nächtlichen Regen frisch und schmeckte nach Laub.
Die misslungene Hinrichtung Gellens hinterließ eine wütende Spur der Zerstörung in Neleis Gefühlswelt. Vielleicht hatte Fojt recht und sie hätten ihn, allen Regeln und Gesetzen zum Trotz, dort im Morgengrauen erstechen sollen. Eine passende Erklärung dafür zu finden, wäre leicht gewesen. Doch sie verstand, dass dies Gedanken waren, die Fojt entsprachen. Hätte sie ihnen nachgegeben, wäre ihre Wut möglicherweise noch größer. Verdammter Gellen …
Nelei stützte sich gegen die Kommode und betrachtete sich im Spiegel. DiesesKalidôr gehörte Lakriel und es gab Menschen, die vorbeikamen, nur um hineinzublicken. Die gorkonischen Spiegel galten als die besten auf Neroê und doch waren sie nur aus poliertem Metall und gaben ein verschwommenes Bild wieder. Aber diese runde Scheibe spiegelte das menschliche Gesicht mit einer solchen Schärfe, dass beinahe jeder in der Stadt vonLakriels Spiegel gehört hatte. Er bestand aus zahlreichen Mosaiksteinchen, getrennt durch Fugen, die so winzig waren, dass man die Oberfläche ganz nahe vor das Auge halten musste, um sie zu erkennen. Das leicht rötliche Bild erinnerte an den Wasserspiegel einer ruhigen See kurz nach dem Sonnenuntergang. Wenn man im richtigen Winkel Sonnenlicht einfallen ließ, färbte er sich in den Farben des Regenbogens. Viele sprachen von einem Zauberspiegel und verbreiteten sonderbare Geschichten darüber, wie Lakriel in seinen Besitz gekommen war. Nelei fand, dass es etwas voreilig war, um von Zauber zu sprechen, zumal der Spiegel weder Wünsche erfüllte, noch die Zukunft zeigte.
Am erstaunlichsten war das seltsame Material, aus dem diesesKalidôr bestand. Denn der Spiegel war nicht dicker als eine Scheibe Papier und wog kaum mehr als ein Lufthauch. Es war möglich, ihn wie eine Schriftrolle zusammenzurollen, und ließ man los, rollte er sich von selbst wieder auf. Wie allweise waren die Götter einst, dass sie die Menschen solche wundersamen Dinge herzustellen lehrten? Wäre Diebstahl unter den Demenäern nicht so verpönt gewesen, Lakriel hätte zwei Wachen neben demKalidôr abstellen müssen.
„Nelei?“, erklang seine Stimme. Sie zuckte kurz zusammen.