: Ale? Pickar
: Kalion. Die lautlose Woge
: Periplaneta
: 9783959960335
: 1
: CHF 4.50
:
: Fantastische Literatur
: German
: 264
: DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Die Neun Götter haben Kalion längst verlassen - nur der Stille Mahner am Firmament zeugt noch davon, dass die Welt einmal eine glücklichere war, bevor der Hochmut der Menschen sie zerstörte. Seit Generationen sind die Völker des rauen Kontinents Neroê zerstritten. Im Norden wütet eine rätselhafte Krankheit. Die verwöhnte Prinzessin Linederion aus dem Ostreich soll an einen fremden Hof verheiratet werden, der gefallene Feldherr Gellen ist auf der Flucht, weil er sein Geheimnis nicht preisgeben kann, die ehemalige Sklavin Nelei will Rache nehmen und die Schwägerin des Königs von Kendaré spinnt Intrigen, um ihren unbeliebten Sohn auf den Thron zu setzen. Doch sie alle ahnen nichts von der dunklen Gefahr, die sich im Westen zusammenbraut ... Ale? Pickar erschafft mit KALION ein facettenreiches, geheimnisvolles und vor allem düsteres Epos. Die lautlose Woge ist der Beginn einer Reise in eine rätselhafte und raue Welt und ein spannender Roman, der mit den Normen des High-Fantasy-Genres bricht.

Lakriels Spiegel


Gorkonai

Mit Geschepper warf Nelei ihre Waffen auf die Truhe. Die Armbrust blieb dort liegen, doch die Schwerter klirrten auf den Holzboden. Nelei beachtete es nicht. Sie trat zu der großen Schüssel und schüttete sich mit beiden Händen Wasser ins Gesicht.

Es war ein später Sommertag, mehr schon Herbst, noch immer mild und angenehm. Breite Sonnenstrahlen fielen durch das opake Dachfenster in ihr Zimmer und fröhliche Stimmen von Kindern drangen hinein. Die Morgenluft roch nach dem nächtlichen Regen frisch und schmeckte nach Laub.

Die misslungene Hinrichtung Gellens hinterließ eine wütende Spur der Zerstörung in Neleis Gefühlswelt. Vielleicht hatte Fojt recht und sie hätten ihn, allen Regeln und Gesetzen zum Trotz, dort im Morgengrauen erstechen sollen. Eine passende Erklärung dafür zu finden, wäre leicht gewesen. Doch sie verstand, dass dies Gedanken waren, die Fojt entsprachen. Hätte sie ihnen nachgegeben, wäre ihre Wut möglicherweise noch größer. Verdammter Gellen …

Nelei stützte sich gegen die Kommode und betrachtete sich im Spiegel. DiesesKalidôr gehörte Lakriel und es gab Menschen, die vorbeikamen, nur um hineinzublicken. Die gorkonischen Spiegel galten als die besten auf Neroê und doch waren sie nur aus poliertem Metall und gaben ein verschwommenes Bild wieder. Aber diese runde Scheibe spiegelte das menschliche Gesicht mit einer solchen Schärfe, dass beinahe jeder in der Stadt vonLakriels Spiegel gehört hatte. Er bestand aus zahlreichen Mosaiksteinchen, getrennt durch Fugen, die so winzig waren, dass man die Oberfläche ganz nahe vor das Auge halten musste, um sie zu erkennen. Das leicht rötliche Bild erinnerte an den Wasserspiegel einer ruhigen See kurz nach dem Sonnenuntergang. Wenn man im richtigen Winkel Sonnenlicht einfallen ließ, färbte er sich in den Farben des Regenbogens. Viele sprachen von einem Zauberspiegel und verbreiteten sonderbare Geschichten darüber, wie Lakriel in seinen Besitz gekommen war. Nelei fand, dass es etwas voreilig war, um von Zauber zu sprechen, zumal der Spiegel weder Wünsche erfüllte, noch die Zukunft zeigte.

Am erstaunlichsten war das seltsame Material, aus dem diesesKalidôr bestand. Denn der Spiegel war nicht dicker als eine Scheibe Papier und wog kaum mehr als ein Lufthauch. Es war möglich, ihn wie eine Schriftrolle zusammenzurollen, und ließ man los, rollte er sich von selbst wieder auf. Wie allweise waren die Götter einst, dass sie die Menschen solche wundersamen Dinge herzustellen lehrten? Wäre Diebstahl unter den Demenäern nicht so verpönt gewesen, Lakriel hätte zwei Wachen neben demKalidôr abstellen müssen.

„Nelei?“, erklang seine Stimme. Sie zuckte kurz zusammen.