Die Nacht davor
München, TrattoriaCaruso, 16. Februar 2015
Habt ihr gewusst, dass Felix Neumann ein Intimpiercing hat?«, trällerte Nora und ließ sich lachend auf den Mahagonistuhl fallen, der dabei ziemlich laut über den Parkettboden rutschte. Eine ältere Dame am Nachbartisch hielt zischend die Luft an, während andere Gäste die Köpfe reckten und Nora neugierig betrachteten. Maya fischte einen Eiswürfel aus ihrem Gin Tonic und steckte ihn sich mit einem Schmunzeln in den Mund. Die entsetzten Gesichter ihrer Freundinnen, die Nora anstarrten, als säße der Geist von Kurt Cobain vor ihnen, sorgten dafür, dass sich ein breites Grinsen auf ihrem Gesicht ausbreitete. Marlene runzelte die Stirn. Ihre blaugrünen Augen, deren Farbe Maya an eine Lagune in der Karibik erinnerten, zogen sich plötzlich zu schmalen Schlitzen zusammen, und man konnte die Rauchwolken über ihrem Kopf förmlich sehen. Vermutlich grübelte Marlene darüber nach, woher Nora diese Information hatte. Toni reagierte weitaus gelassener. Sie lächelte, sodass der kleine Strassstein an ihrem rechten Schneidezahn hervorblitzte, und zwinkerte Maya dabei zu, während sie ihren Cappuccino im Uhrzeigersinn umrührte. Ein warmes Gefühl breitete sich in Mayas Brust aus. Obwohl sie das vergangene halbe Jahr in den USA verbracht hatte und sie heute zum ersten Mal seit langer Zeit wieder zusammensaßen, verspürte Maya das Gefühl, niemals weg gewesen zu sein. Ihr Flugzeug war vor genau vier Stunden am Franz-Josef-Strauß-Flughafen in München gelandet, und ihre Freundinnen hatten sie lautstark begrüßt. Marlene hielt einen mit bunten Farben bemalten Pappkarton mit der AufschriftWir haben dich vermisst in die Luft, während Toni und Nora mit vier Gläsern Prosecco dastanden und laut grölten. Nachdem sie Maya nacheinander stürmisch und innig begrüßt hatten, stießen sie zum Leidwesen der anderen Fluggäste noch mitten in der überfüllten Ankunftshalle gemeinsam auf die Heimkehr ihrer Freundin an. Danach packte Marlene Mayas Koffer, während Nora sich bei ihr unterhakte und sie direkt zu Tonis dunkelblauem VW Käfer bugsierte. Nach einem kurzen Zwischenstopp in ihrer Einzimmerwohnung am Bonner Platz, um ihr Gepäck abzuliefern, ihr T-Shirt zusammen mit den Shorts und den Flipflops gegen ihre UGG-Boots, eine Jeans und eine Daunenjacke einzutauschen, fuhren sie direkt insCaruso, ihren Lieblingsitaliener, um dort Mayas Heimkehr zu feiern. Während ihres Auslandaufenthaltes hatte sie ihre Wohnung an eine französische Studentin untervermietet, die ein Auslandssemester an der LMU absolviert hatte. Vor zwei Tagen war diese nach Bordeaux zurückgekehrt, sodass Maya ihre Wohnung sofort wieder beziehen konnte.
Ihrer Mutter hatte sie während der Autofahrt nur eine kurze SMS geschickt und sie über ihre Rückkehr informiert, aber keine Antwort erhalten. Über ihre eigene Naivität konnte Maya nur den Kopf schütteln. Sie hatte tatsächlich gedacht, ihre Eltern hätten ihr in dem halben Jahr ihrer Abwesenheit verziehen. Wenn sie nur einmal mit klarem Verstand darüber nachgedacht hätte, wäre ihr bewusst gewesen, wie hirnrissig dieser Gedanke war. Ihre Eltern hatten sich seit 194 Tagen nicht bei ihr gemeldet. Sie würden es auch heute nicht tun.
Obwohl sich ihre Wege nach dem Abitur getrennt hatten, schafften Nora, Toni, Marlene und Maya es immer noch, sich regelmäßig imCaruso zu treffen. Durch Sturm und Regen, Beziehungskrisen und neue Jobangebote, Umzüge und Reisen – nichts hatte die vier bisher auseinandergebracht. Während ihres Auslandsaufenthaltes hatten sie fast täglich telefoniert, geskypt oder sich mit WhatsApp-Nachrichten auf dem Laufenden gehalten.
»Hilf mir mal auf die Sprünge«, riss Marlene Maya aus ihren Gedanken. »Ich habe kein Gesicht zu dem Kerl. Wer soll das sein?«
»Du hast in der Zehnten in Geschichte neben ihm gesessen«, antwortete Maya und zwirbelte eine rabenschwarze Haarsträhne, die sich aus ihrem französischen Zopf gelöst hatte, um ihren Zeigefinger. »Dreadlocks. Lippenpiercing.« Grinsend tippte sie sich an den Kopf. »Er hat diesen zweieurostückgroßen Leberfleck auf seiner Stirn.«
Man konnte eindeutig erkennen, wie es in Marlenes Kopf zu rattern begann, ehe sie ihr Gesicht angewidert verzog. Sie schlug die Hand vor den Mund und schüttelte den Kopf. »Gott, i