Nils lehnte mit verschränkten Armen gegen den Rahmen der Küchentür und starrte Marlene an, die an ihrem gemeinsamen Esstisch saß und das Kerzenwachs, das mit einem monotonen Klopfen auf die Tischplatte tropfte, anstarrte, als hinge ihr Leben daran. Hin und wieder fing sie einen Tropfen davon mit dem Zeigefinger auf, bevor sie einen Moment die Augen schloss und tief ausatmete. Das Zittern in ihrer Stimme versuchte er, so gut es ging, zu ignorieren.
Mit aller Macht zwang er sich, nicht zu ihr zu stürmen, sie in die Arme zu reißen und zu trösten.Er war es schließlich, der getröstet werden musste. Schließlich hatte sieihm das Messer sprichwörtlich in die Brust gerammt, die Klinge ein paar Mal umgedreht und ihn dann blutend am Boden liegen gelassen.
Er folgte ihrem Finger, der abermals das heiße Kerzenwachs auffing, und betrachtete das flackernde Kerzenlicht, das nervös hin und her zuckte. Genauso fühlte er sich auch in diesem Moment. Aufgewühlt. Ruhelos. Wütend. Er widerstand dem Drang, seine Faust gegen die weiße Küchentür zu boxen, stattdessen biss er die Zähne zusammen und wartete stumm ab.
Als er den Blick kurz hob, starrte er geradewegs in Marlenes meergrüne Augen. Jene Augen waren es gewesen, die ihn von Anfang an am meisten an ihr fasziniert hatten.
Er hatte sich damals Hals über Kopf in Marlene verliebt. In diese Augen, die ihn bei ihrer ersten Begegnung qualvoll angeblickt hatten, während Marlene vor der Toilette des JugendtreffsBeats kniete und sich die Seele aus dem Leib kotzte, kurz nachdem sie als Mutprobe eine Flasche Bacardi auf ex geleert hatte. Er hatte ihr die pink gefärbten Haare im Nacken gehalten und kurz darauf ein feuchtes Tuch aus der Küche geholt. Und als es ihr etwas besser gegangen war, ihr ein Pfefferminzbonbon in die Hand gedrückt. Immer wieder hatten diese Augen ihn angeblickt, und die verschiedensten Emotionen hatten sich darin gespiegelt. Schmerz, Scham, Angst. Und obwohl es in der Toilette nach Urin und Erbrochenem gestunken hatte und die Wände mit schwarzem Edding-Stift beschmiert gewesen waren, hatte er an nichts anderes denken können als an dieses wunderschöne Mädchen. Keine einzige Sekunde hatte er sie allein gelassen. War nicht von ihrer Seite gewichen. Hatte nicht einmal einen Gedanken daran verschwendet.
Sie hatten nicht miteinander gesprochen. Sich noch nicht einmal ihren Namen gesagt. Nur mit ein paar wenigen Blicken hatten sie sich ausgetauscht, und für Nils war es mehr als genug gewesen. Ja, er hatte sich zuerst in ihre Augen verliebt, und im Laufe der Zeit war er auch dem Rest hoffnungslos verfallen.
Schnaufend stieß sich Nils von der Küchentür ab und schritt durch die Küche, ehe er sich gegen die Holzarbeitsplatte lehnte. Obwohl Marlene vor wenigen Minuten die Bombe hatte platzen lassen, regte er sich kaum. Nur das Mahlen seiner Kiefermuskeln und auch das Zucken seines rechten Augenlids ließen erkennen, dass er wütend war. Und abgrundtief verletzt.
»Es tut …«, zu mehr kam sie nicht, denn wie eine Kobra, die sich bedroht fühlte, fuhr Nils nach vorne, beugte sich über den Küchentisch und funkelte sie wütend an.
»Sag es ja nicht! Sag verdammt noch mal nicht, dass es dir leidtut. Ich will wissen, warum, Lene. Warum willst du das alles wegwerfen? Warum willst duuns wegwerfen?«
»Weil …«, stotterte sie und blickte ihn mit tränenverschleiertem Blick an. Nils schluckte den Drang hinunter, sie in den Arm zu nehmen und zu trösten. Marlene hatte alles zerstört, und er wollte eine Erklä