: Johannes Krätschell
: Herr Schlau-Schlau wird erwachsen Roman
: Periplaneta
: 9783959960311
: 1
: CHF 8.90
:
: Erzählende Literatur
: German
: 178
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Hannes ist fassungslos: Seine Eltern setzen ihn einfach so vor die Tür. Nach 35 Jahren unter einem Dach. Dabei hat er doch nie gestört. Im Gegenteil: Er zahlt pünktlich seinen Mietanteil, wäscht seine Unterhosen selbst und hat nur ein Mal eine Frau mit nach Hause gebracht. Zwischen seinen viertausend Büchern, dem trockenen Rotwein aus Apulien und einem Sofa voller Kindheitserinnerungen war seine Welt bisher übersichtlich und in Ordnung. So unsanft aus dem Nest gestoßen versucht er, voller Selbstmitleid, die abgetragenen Mauern seines Lebens an anderer Stelle wieder aufzubauen. Doch schon am ersten Abend in seiner neuen Wohnung klingelt es an der Tür. Mit einem Begrüßungstropfen und einer Kiste Weinbrandbohnen in den Händen stellt sich sein Nachbar aus dem Erdgeschoss vor. Außerdem hat er ein völlig anderes Lebenskonzept im Gepäck. Johannes Krätschells mitreißender Roman erzählt charmant und aberwitzig Episoden einer verspäteten Menschwerdung. Ein Plädoyer gegen die Angst vor Veränderung und eine Laudatio auf das Leben, wie es eben ist: trostlos, köstlich, tragisch, fabelhaft und vor allem unvorhersehbar.

Die Vertreibung


Auch wenn sich meine Eltern Sorgen machten, bei mir war alles in Ordnung. Ich war einfach nur ein ernstes Kind. Ernst und neugierig. Ein Kind eben. Ein weißes Blatt, das beschrieben werden wollte. Meine Neugier war wahrscheinlich nicht typisch kindlicher Natur. Deshalb sorgten sich meine Eltern. Aber mit der Zeit gewöhnten sie sich daran. Ich interessierte mich von Anfang an vor allem für Bücher. Für Worte, Geschichten und Figuren. Bilderbücher gefielen mir zwar, aber mein Herz gehörte den Buchstaben. Leider verstand ich sie nicht sofort und so war ich glücklich, wenn mir vorgelesen wurde. Meine Eltern lasen mir vor, so oft und so lange sie konnten. Damit das ernste Kind glücklich war. Auf dem alten Erkersofa in unserer eigenen Bibliothek.

Ich ließ mir bald alle Buchstaben erklären, wiederholte ihren Klang und merkte mir ihre Form. Mit vier Jahren konnte ich selbstständig lesen. Das entlastete meine Eltern und beruhigte sie, da ich ja nicht um des Lesens willen las, sondern eben aus Neugier. Aus dem Grund, der ein Kind zu einem Kind macht. Seiner blanken Neugier wegen.

Das Meiste, das ich mit vier Jahren las, konnte ich nicht begreifen und fragte nach den Hintergründen. Ich fragte nach vergangenen Zeiten, danach, wo Städte und Länder lagen, warum man einen Brief schrieb und wie man kochte. Mit den Jahren erfuhr ich dabei, wie man lebt. Ich erfuhr, wie Freundschaften entstehen, und konnte ganz leicht selbst welche eingehen. Ich kannte das Gefühl, verliebt zu sein, bevor ich mich das erste Mal selbst verliebte.

Die Welt vor der Tür war nicht uninteressant, aber nicht die meine. Meine Welt war die, die sich zwischen zwei Buchdeckeln verbarg. Sie überraschte mich jeden Tag aufs Neue. Hier geschah alles schon, bevor es da draußen passierte. Und so war ich draußen stets auf alles vorbereitet. Meine Freunde waren der Meinung, ich sei schon erwachsen auf die Welt gekommen.

Das empfand ich als Kompliment und lebte mein Leben auch weiterhin mehr drinnen in den Büchern als draußen unter Menschen. Es funktionierte und so wollte ich alt werden.

Doch ohne jede Vorahnung zog ein Schatten auf, der alles zerstören würde.

Es war ein lichter Sommertag und ich saß ohne jede Vorahnung auf dem Lesesofa. Meine Eltern betraten den Raum, nickten mir freundlich zu und baten mich um ein Gespräch im Wohnzimmer. Ich konnte ihren Gesichtern ansehen, dass mich etwas Furchtbares erwartete.

Ohne Umschweife kam meine Mutter auf den Punkt: „Lieber Hannes, dein Vater und ich wollen uns zur Ruhe setzen. Wir haben ein Haus in der Uckermark gekauft und ziehen im Herbst dort ein. Wir wollen näher bei deiner Schwester und den Enkeln sein. Die Wohnung haben wir zu Ende Oktober gekündigt. Das heißt, wir müssen alle bis Ende Oktober ausziehen.“

„Mama, was soll ich in der Uckermark? Ich bin ja gern bei Sarah und meinen Neffen, aber ich will mich nicht zur Ruhe setzen.“

„Nein, das kannst du auch