: Susanne Reichert
: Himmlisch gechillt
: Charles Verlag
: 9783940387813
: 1
: CHF 8.90
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: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 343
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Die Pubertät erkennt man meistens daran, dass man seine Kinder plötzlich nicht mehr erkennt - diese Erfahrung machen auch Marlene Schwarz und ihr Mann Carsten, deren älteste Tochter sich plötzlich vom niedlichen Mädchen in einen stacheligen Teenager verwandelt. Die 15-jährige Sophie muss sich nicht nur mit den eigenen hormonellen Stimmungsschwankungen, ihren spießigen Eltern und den nervigen Geschwistern herumschlagen, sondern hat auch noch den Konfirmandenunterricht am Hals - als ob sie mit dem ganzen ätzenden Schulkram, dem ersten Liebeskummer und der täglichen Klamottenfrage nicht schon genug zu tun hätte, soll sie sich jetzt auch noch Zeit für Gott und die innere Einkehr nehmen. Marlene schlägt sich neben dem gewohnten Chaos in ihrer 5-köpfigen Familie, dem turbulenten Job in einem Verlag und dem veränderten Wesen ihrer Tochter auch noch mit deren Vorstellung herum, die Konfirmation in einer Art 'Night of the Proms' im örtlichen Golfclub zu feiern und Carsten wittert in dem ersten Freund seiner Tochter das pure Übel. Glücklicherweise gibt es Marlenes besten Freund und Sophies Patenonkel Mario, der mit seinem unerschütterlichen Naturell für gute Laune sorgt. Trotzdem ist Marlene der Meinung, dass ein bisschen göttlicher Beistand gerade in dieser Zeit nicht schaden könnte - und erlebt diesen auf ganz unerwartete Art und Weise....

Kapitel 1


Wohlig kuschelte ich mich in meine Kissen und zog mir die Bettdecke bis zum Kinn. Sonnenlicht schien durch die kleinen Schlitze der Rollläden und von draußen erklang Vogelgezwitscher. Ein Sonntagmorgen, wie ich ihn liebte. Kein Stress, keine Hektik, ausschlafen und später in Ruhe mit der Familie frühstücken – zumindest mit so viel Ruhe, wie es eben in einer Familie mit drei Kindern möglich war. Während meine Gedanken träge die nächste Schlafphase einleiten wollten, drang plötzlich ein schriller Misston an mein Ohr. Mein Unterbewusstsein bemühte sich nach Kräften, ihn zu ignorieren. Die Amsel in dem Apfelbaum hinter unserem Garten sang gleich ein bisschen lauter, als wolle sie sagen: Es ist besser, du weißt nicht, was da vor sich geht. Erfahrungsgemäß war das in den meisten Fällen absolut plausibel und funktionierte – halbwegs. Während sich mein kleiner Amselfreund auf seinem Zweig also mächtig ins Zeug legte und seine Arie schmetterte, quietschte aus den unteren Regionen unseres Reihenhäuschens wieder etwas, das klang wie eine rostige Kreissäge. Vorsichtig schielte ich auf die andere Bettseite. Vielleicht befand sich der Vater meiner Kinder ja gerade in einer REM-Phase, in der die Sinnesorgane nach dem Tiefschlaf allmählich wieder ihre Funktion aufnahmen, und würde der Sache auf den Grund gehen wollen. Aber Fehlanzeige. Carsten lag auf dem Rücken und atmete tief und gleichmäßig; es gab noch nicht mal ein verräterisches Augenzucken. Mein Mann war in den meisten Lebenslagen tendenziell tiefenentspannt, und dieser ruhende Pol war in unserer Familie oftmals dringend notwendig. Aber gerade jetzt hätte ich Anzeichen einer beginnenden Aktivität sehr begrüßt. Ich stupste ihn mit dem Fuß unter der Bettdecke an und stellte mich schlagartig tot, als er die Augen aufriss. Genau in diesem Moment ertönte das schaurige Jaulen erneut und ich grinste im Halbdunkeln in mich hinein. Allerdings hielt meine Freude nicht lange an.

Carsten drehte sich mit einem Schnauben auf die Seite und murmelte: »Zur Hölle mit den Nachbarn.«

So viel also zu männlichem Beistand. Die Möglichkeit, dass irgendjemand – und ich hatte einen sehr konkreten Verdacht, wer dieser jemand war – unser Haus in Einzelteile zerlegte, konnte er anscheinend deutlich länger ignorieren als ich. Ich drehte mich seufzend auf den Rücken und lauschte. Aus den Kinderzimmern im ersten Stock waren noch keine Lebenszeichen zu hören, daher musste das kuriose Treiben wohl im Erdgeschoss stattfinden. Wozu hat man eigentlich eine große Familie, wenn die unangenehmen Dinge dann doch immer an einem selbst hängenbleiben? Mit deutlich schlechterer Laune als noch vor einer Viertelstunde schob ich die Decke samt unseres flauschigen Katers zur Seite, der nur träge ein Auge öffnete und gähnte.

Ich streichelte sein weiches Köpfchen und murmelte: »Dein Leben möchte ich haben. Möchtest du vielleicht mal nachsehen, was da in unserer Küche gerade zu Hackfleisch verarbeitet wird?«

Balou warf mir einen hingebungsvollen Blick zu und schnurrte. Mehr Unterstützung hatte ich wohl nicht zu erwarten. Ein Blick auf die Uhr besserte meine Laune auch nicht wirklich. Kurz nach acht, eine Uhrzeit, zur der mir an einem Sonntagmorgen normalerweise noch nicht mal die Namen meiner Kinder einfielen.

Seufzend stand ich auf und tapste die Treppe hinunter. Eine der Kinderzimmertüren stand schon sperrangelweit offen, während hinter den anderen beiden noch schläfriges Geröchel zu hören war. Je näher ich dem Erdgeschoss kam, desto suspekter klang das geheimnisvolle Treiben. Ich holte tief Luft, öffnete die Schiebetür zum Wohnzimmer und bat das Universum um Beistand. Da gab es ja hoffentlich so etwas wie