Am Seeufer spiegelten sich die Häuser im Wasser. Die Sonne schien warm, und schon bald würde der Frühling dem Sommer weichen. Wie alle Tage schob sich eine dichte Menschenmenge durch die Gassen von Konstanz. Überall drängten sich die Menschen – auf dem Markt rund um die Kirche genauso wie an den Anlegeplätzen der Fischer. Es wurde gefeilscht und gehandelt, musiziert und getanzt, gesungen und gebetet. Die Stadt kochte schier über vor Geschäftigkeit, und es erweckte den Eindruck, als wäre die gesamte Christenheit zum Konzil gekommen. Konstanz zog die Menschen an, weil sie sich innerhalb der Mauern dieser Stadt etwas erhofften. Wenn auch nicht immer nur die Beantwortung der Fragen um die neue Ordnung der Kirche.
»Suchen Euer Gnaden etwas Zerstreuung?«
Die Frau lächelte, und Anton Fugger lächelte zurück. Die Hübschlerin war bereits die dritte Dirne, die ihn und Johannes Wenzel an diesem Vormittag ansprach. Fugger hatte gehört, dass die Anzahl dieser Frauen in der Stadt in den letzten Wochen stetig gestiegen war. Im Rat wurde sogar darüber nachgedacht, wie man die Anzahl der Dirnen begrenzen konnte. Wobei die wenigsten Ratsherren dies wirklich wollten. Schließlich nahm so mancher von ihnen ja selbst die Dienste einer Hübschlerin in Anspruch.
Anton Fugger wollte gerade antworten. Doch da trat Johannes Wenzel, sein Sekretär und Vertrauter, energisch dazwischen. »Der Herr ist nicht interessiert!«
Fugger hob wie bedauernd beide Hände. Die Frau wandte sich daraufhin an Wenzel.
»Und wie steht’s denn dann mit Euch, Euer Gnaden?«
Fugger lachte schallend und legte Wenzel die Hand auf die Schulter.
»Sieh an, Johannes, so schnell wird heutzutage aus einem braven Mann ein ›Euer Gnaden‹.«
Dann lächelte Fugger die Frau freundlich an und schüttelte dabei den Kopf. »Lasst gut sein, meine Schöne. Ein andermal vielleicht. Da nehmt, das ist für Euch.«
Er drückte ihr eine Münze in die Hand. Erstaunt sah ihn die Frau an. Fünf Pfennige! Das reichte für ein gutes Stück Fleisch oder drei Ellen feinsten Leinenstoff. Sie hob den bodenlangen Rock ein wenig an und knickste.
»Habt Dank, edler Herr.«
Fugger lächelte charmant.
»Kauf dir davon irgendeinen Putz. Obwohl, nein. Das brauchst du eigentlich gar nicht.«
Der Blick der Frau war fragend.
»Du bist hübsch genug«, erklärte Fugger, »auch ohne irgendwelchen Tand.«
Jetzt strahlte sie übers ganze Gesicht.
»Ihr seid ein gar lieber Herr, und ich danke Euch vielmals.«
Fugger nickte ihr freundlich zu und sah ihr nach, wie sie in der Menschenmenge verschwand. Bis Wenzel ihn sanft, aber bestimmt am Ärmel zog.
»Johannes«, beschwerte sich Fugger, »du bist heute Morgen lästig. Jawohl, lästig. Und ein Spielverderber bist du auch.«
»Herr, habt Ihr vergessen? Wir werden erwartet.«
»Weiß ich doch.«
Sie bahnten sich einen Weg durch die Menge, die vor Fuggers stattlicher Gestalt höflich zurückwich. Wenzel bemühte sich, mit seinem Herrn Schritt zu halten. »Außerdem hab ich Sorge, dass Ihr jedem Frauenzimmer hier, das Euch schöne Augen macht, Geld schenkt“, sagte er. „Am Ende seid Ihr heute Abend pleite, und ich hab es nicht verhindern können.«
Fugger lachte. Er hatte gute Laune. Die Reise von Bozen hierher nach Konstanz war lang und anstrengend gewesen. Aber sie waren gesund angekommen, hatten eine saubere Unterkunft gefunden, und es gab hier gut zu essen. Der Wein war keinesfalls schlechter als zu Hause, und seine Geschäfte liefen prächtig. Er ließ sich von Wenzel in eine Seitengasse ziehen. Hier waren nur wenige Leute unterwegs. Die Häuser standen dicht an dicht. Die Gasse war gerade breit genug, dass ein Fuhrwerk durchfahren konnte, ohne dabei die Mauern der Häuser zu berühren. Fugger blieb stehen und wandte sich noch einmal um. Das Dach des großen Handelshauses am Seeufer war noch zu sehen. Es leuchtete in der Sonne. Man musste in diesen Zeiten weit reisen, um ein imposanteres Gebäude zu finden. Zumindest auf dieser Seite der Alpen. In dem massiven Steinbau mit dem großen Walmdach lagerten drei Stockwerke hoch die Waren. Allerdings häuften sich die Gerüchte, dass in das Handelshaus Wahlmänner einziehen und auf neutralem Boden den neuen Papst wählen sollten. Der Streit darüber, wie und wo genau die anstehende Wahl des Kirchenfürsten durchgeführt werden sollte, schwelte seit Beginn des Konzils. Und nun hatte sich eine stattliche Mehrheit aus Adeligen und Würdenträgern dafür ausgesprochen, ebendieses gewaltige Gebäude dafür zu nutzen. Die Händler sträubten sich natürlich. Wiederholt hatten Bruderschaften wie Zünfte darauf hingewiesen, dass sie dann ihre Geschäfte nicht mehr abwickeln konnten. Was nicht der Wahrheit entsprach, denn Geschäfte wurden in diesen Tagen überall in der Stadt gemacht. Jetzt wartete man auf das Wort des Königs. Doch Sigismund von Böhmen ließ auf sich warten. Auf sein Wort genauso wie auf seine Ankunft in der Stadt am großen See.
»Mein Herr, bitte«, drängte ihn Wenzel.
Fugger folgte ihm durch einen Torbogen in einen kleinen Innenhof, wie es sie in vielen Bürgerhäusern der Stadt gab. Zu anderen Zeiten waren diese Höfe Orte der Ruhe, in diesen Monaten jedoch lagerten auch hier dicht an dicht die Menschen, denn Platz war ein kostbares Gut geworden.