Momente wie diese liebte Eleonore besonders. Sie lag in einem warmen Bad und versuchte, an nichts zu denken. Entspannt in dem großen Holzzuber, umschmeichelte das warme Wasser ihren Leib, und alles, was sie sich im Augenblick wünschte, war, dass dies möglichst lange so bliebe. Die Arbeit, die an diesem Tag noch unbedingt getan werden musste, schien ihr auf einmal gar nicht mehr so wichtig. Sie fuhr mit beiden Händen über die Haut an ihren Schenkeln, strich mit den Fingerspitzen über ihren Bauch, folgte der Kontur ihrer immer noch tadellosen Brüste. Nein, sie fühlte sich keineswegs alt oder gar verbraucht. Obwohl sie vier Kinder geboren hatte und trotz der Entbehrungen in diesem gerade beendeten Krieg, der zahlreichen Hungerwinter der Vergangenheit. Und diesen Körper hatten nun schon einige Männer betrachten dürfen. Als sie daran dachte, wurde ihr noch wärmer. Sie schloss die Augen.
Ihren Enkel hatte sie nach dem Ausritt wieder der Amme anvertraut. So nannte sie die Frau noch immer, auch wenn sie dem Jungen längst nicht mehr die Brust gab. Eleonore dachte oft daran, wie diese brave Frau bereits ihre eigenen vier Kinder mit großgezogen hatte. Warum sollte sie ihr also nicht guten Gewissens nun auch ihren Enkel überlassen? Sie blickte auf. Dann streckte sie abwechselnd ihre Beine aus dem Wasser und strich mit beiden Händen über die rosige glatte Haut ihrer Waden und ihrer Schenkel. Wie herrlich das Wasser war! So ließ es sich noch eine ganze Weile aushalten. Und wenn es zwischendurch zu kalt werden würde, brauchte sie nur nach Elsa zu rufen. Die brachte ihr dann einen weiteren Eimer mit heißem Wasser aus der Küche herauf. Eleonore schloss wieder die Augen. Jawohl, einfach so daliegen und dabei an gar nichts denken. Nur, genau dies gelang ihr nicht, denn dazu war zu viel passiert ...
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Über dem steilen Bergpass ging ein heftiger Regenguss nieder. Die dunklen Wolken hingen in den Felswänden wie körperlose Nebelwesen, von denen man sich hier in jedem Dorf und jedem Weiler erzählte. In der Ferne donnerte es immer wieder, und von den dichtbewaldeten Hängen ringsum stieg Dunst auf. So wie es aussah, würde es in nächster Zeit nicht aufhören zu regnen.
Lorenzo Moratini trat vor das Zelt, das die Dienerschaft am Flussufer aufgeschlagen hatte. Sein Leibdiener Ramiro stocherte mit einem Ast in dem kläglichen Feuer herum und hoffte darauf, dass die Flammen größer wurden. Er wandte den Kopf und warf einen Blick auf seinen jungen Herrn. Wohin der auch immer ging, er, Ramiro Esteban, würde an seiner Seite sein. Das tat er, solange er sich erinnern konnte, seit er vor langer Zeit in den Dienst der Kaufmannsfamilie Moratini getreten war. Ramiro war ein Diener, kein Kämpfer. Warum auch, dafür hatten sie Söldner, die für gutes Geld Leib und Leben ihres jungen Herrn schützten. Natürlich würde Ramiro nicht zögern, seinen Herrn zu verteidigen. Denn er mochte den jungen Patrizier.
Nun sah er zu, wie Lorenzo bis an den Rand der kleinen Lichtung trat, dort stehen blieb und den Himmel betrachtete. Obwohl es weiterhin heftig regnete, so dass eine Weiterreise nicht ratsam war. Sie selbst und ihr Gepäck würden völlig durchnässt sein, bevor sie die einsame Landstraße hinter sich gelassen hatten.
Lorenzo dagegen spürte den Regen kaum. Ihr erzwungener Aufenthalt war ihm lästig, denn eigentlich wollte er weiter. Er hatte schließlich ein Ziel. Die Burg. Seine schöne junge Braut. Die Verlobung mit ihr. Diese offiziell zu machen war sein Wunsch gewesen. So wie es auch sein eigener Entschluss gewesen war, diese Reise ohne Begleitung zu unternehmen. Wenn man mal von Ramiro und den Söldnern absah, die er zu seinem Schutz mitgenommen hatte, und den Knechten, die für das Zelt, die Pferde und das Gepäck verantwortlich waren. Seine Mutter war nicht bei ihm, genauso wenig wie seine Tante. Er erinnerte sich nicht daran, dass dies in seinem bisherigen Leben schon einmal vorgekommen war. Nein, seine Mutter und seine Tante waren immer in seiner Nähe gewesen, genau wie seine jüngere Schwester Tirza. Lorenzo war noch keine achtzehn Jahre alt, aber ein Mann, meinte er. Der Beweis dafür war, dass er auf dem Weg tief in die Berge war, um seine Braut zu freien und dabei die Vereinbarung zwischen dem Hause Moratini und derer von Greifenberg zu erfüllen. Dabei waren noch einige Fragen unbeantwortet. So stand zum Beispiel der gemeinsame Name der zukünftigen Eheleute noch nicht fest. Genauso wenig wie der ständige Aufenthaltsort des Paares oder die Erbfolge ihrer Kinder, die es hoffentlich recht zahlreich geben sollte. Doch an all diese Dinge wollte Lorenzo hier, in dieser stockdunklen Nacht fernab von zu Hause, am liebsten gar nicht denken, sondern nur von seiner großen Liebe träumen, über die er bisher mit kaum jemandem geredet hatte. Seine Mutter wusste natürlich davon und seine Tante auch. Genau wie seine geliebte Schwester Tirza. Ihr konnte er am allerwenigsten etwas verheimlichen. Doch sonst wollte er niemanden mit seinen Gefühlen behelligen, die von der verzehrenden Flamme seines Herzens stammten, wie er in einem antiken Gedicht gelesen hatte. Nein, darüber zu sprechen schickte sich nicht. Zumindest hatte sein Vater das gesagt, und der musste es ja wissen. Die M