1. KAPITEL
War er womöglich tot? Wie konnte ein lebensstrotzender Mann wie er sonst urplötzlich verschwinden? Der Mann, dessen Geliebte sie vor zwei Monaten gewesen war …
Die Fragen quälten Lauren Hamby seit Tagen. Wo immer sie ihn nach dem Aufstand in der verwüsteten, einst so farbigen Hauptstadt Behraat suchte, nirgends eine Spur von ihm.
Nun stand sie vor dem jahrhundertealten Handelszentrum und bebte vor Aufregung. Hier würde ihre Suche enden, das spürte sie. Sie kannte nur seinen Namen und wusste, wie er aussah, doch sie würde nicht aufgeben, war entschlossen herauszufinden, was mit dem Mann geschehen war, der ihr so viel bedeutete.
Die gepflegten grünen Parkanlagen um sie herum nahmen sich seltsam aus in der tödlichen Stille, die über der Stadt lastete. Im glitzernden Wasser des Mosaikbeckens spiegelte sich ihr banges Gesicht. Klopfenden Herzens ging sie den gefliesten Weg zwischen dem Pool und dem gemähten Rasen entlang.
Marmorstufen führten zu einer weitläufigen, mit Mosaiken ausgelegten Eingangshalle hinauf, die von einer gewaltigen Kuppel gekrönt wurde. Überall standen Riesenpalmen in mächtigen Übertöpfen.
Hier gab es so viel zu sehen und in sich aufzusaugen. Die Eindrücke und Düfte konnten Laurens Schmerz tagsüber betäuben – nachts überschwemmte die Trauer sie mit Bildern des geliebten Mannes, der in diesem Land aufgewachsen war.
In jedem gut aussehenden, hünenhaften Mann hoffte sie, Zafir zu erkennen. Sie dachte daran, wie stolz er ihr von seinem geliebten Behraat erzählt hatte.
„Kommst du, Lauren?“
Ihr Reporterfreund David hatte die jüngsten Aufstände in der Stadt seit Tagen mit der Kamera festgehalten.
Schnell wandte sie sich ab, als er den Camcorder auf sie richtete. „Hör auf, mich zu filmen, David. Du sollst Dokumentationsmaterial über die Aufstände sammeln – ich gehöre nicht dazu.“
Suchend blickte Lauren zum plätschernden Springbrunnen in der Mitte der Halle. Die Wasserfontänen blitzten in den Lichtstrahlen, die durch die filigranen Öffnungen in der Kuppel fielen, golden auf.
Überall in der marmornen Eingangshalle herrschte verwirrendes Treiben.
Langsam schlenderte Lauren an der Fontäne vorbei zum Empfang. Ein Stück entfernt hielt surrend ein gläserner Aufzug, mehrere Männer stiegen aus.
Auf einmal wurde es still um Lauren. Eine seltsame Anspannung lag in der Luft. Vor dem Aufzug bildete sich eine Gruppe von sechs Männern in landestypischen Gewändern. Einer von ihnen, der Größte, sprach auf Arabisch auf sie ein.
Seine Stimme drang zu Lauren durch, sie klang hart und unnachgiebig – und traf sie doch wie eine Liebkosung.
Aufgeregt wandte sie sich David zu, der die Gruppe hektisch filmte. Dann drehte der Hüne sich um, sodass Lauren ihn von vorne sehen konnte.
Wie versteinert stand sie da, in ihren Ohren rauschte es.
Zafir.
Das landesübliche rot-weiß gemusterte Tuch bedeckte seinen Kopf und ließ seine Züge kantiger wirken. Sein Ton strahlte Autorität und Macht aus, alles an ihm wirkte hart und gnadenlos.
Er war also nicht tot.
Erleichterung durchflutete Lauren, am liebsten wäre sie zu Zafir gestürzt, um ihn zu umarmen, sein Gesicht zu berühren …
Ein Schauer überlief sie.
Zafir war gesund und munter.
Und schien hier ganz in seinem Element zu sein. Dennoch hatte Lauren seit sechs Wochen nichts von ihm gehört.
Aufgeregt ging sie auf die Gruppe zu. Plötzlich überstürzten sich die Ereignisse. Ein Mann wandte sich zu ihr um und machte die anderen auf sie aufmerksam. Einer nach dem anderen sah sie an.
Lauren wagte kaum zu atmen, ihre Hände beb