Kapitel 1
Mardan, Pakistan, 03:00 Uhr
Der Wagen war ein Toyota Land Cruiser, und die Waffe in Joe Gardners Schoß eine AK-47. Draußen tauchte der Vollmond die Straße und die sie umgebende Wüste in ein fahles Licht und ließ alles wie einen Haufen Asche aussehen.
Hier, fünfundvierzig Kilometer nördlich von Peshawar, mitten im Hoheitsgebiet der Taliban, sollte das vierköpfige Team in dem Cruiser eine Spezialoperation durchführen.
Gardner schaltete den Motor ab und hievte sich aus dem Fahrersitz. Er war der letzte Operator, der aus dem Cruiser stieg. Der staubtrockene Boden knirschte leise unter seinen Gore-Tex Timberlands. Achtundvierzig Grad heiße Luft schlug ihm entgegen, brannte auf seinem Gesicht und nahm ihm den Atem. Gardners Finger schlossen sich fester um den Griff der AK-47. Seine linke Hand war mit Moskitobissen übersät, doch er unterdrückte das unentwegte Verlangen, an ihnen zu kratzen.
Sie hatten den Cruiser am Rand einer verwitterten Straße abgestellt, die durch den Südwesten der pakistanischen Stadt führte. Im Westen dominierten die Khyber Berge den Horizont und ragten wie zerklüftete schwarzen Zähne in den asphaltfarbenen Himmel.
John Bald stellte sich neben Gardner und sagte: »Vierzig Meter. Das letzte Haus auf der rechten Seite.«
Er deutete die Straße hinab nach Süden. Gardner spähte über die massigen Schultern seines besten Kumpels und fixierte das Haus, auf das Bald zeigte. Es war ein unbeleuchtetes zweistöckiges Gebäude, das auf der rechten Seite von dürren Bäumen, graubraunem Gras und Akazienbüschen flankiert wurde. Links davon befand sich eine Reihe von Elektronik- und Mobiltelefon-Läden. Die Geschäfte waren geschlossen, aber ihre Anzeigetafeln warfen ein schwaches Licht auf die Straße.
»Bist du sicher, dass es das ist?«, flüsterte Dave Hands mit heiserer Stimme und nickte zu dem ECM-Peilsender, den Bald in der Hand hielt.
»Hundertprozentig.«
Balds kantige Gesichtszüge reflektieren das rotblinkende Licht des Peilsenders. Gardner und er waren Kameraden seit dem Tag, an dem beide die Auswahlprüfungen bestanden hatten. Als man Gardner nach der brutalen simulierten Folterübung in den Raum mit den anderen Kandidaten führte, hatte Bald ihm nur zugezwinkert und gesagt: »Kinderkacke.« Der Mann war schottischer als eine Kiste Irn-Bru und lächelte unentwegt, halb belustig, halb hinterlistig. Nun schaute Gardner konzentriert auf den Peilsender in Balds Hand. Er war etwa so groß wie ein iPhone, aber in der riesigen, schwieligen Hand seines Kumpels sah es aus, als wäre es beim Waschen eingelaufen.
Dave Hands blickte wenig überzeugt zu dem Gebäude hinüber.
»Sieht für mich verdammt leer aus.«
»Tariq Afridi ist der Anführer der pakistanischen Taliban«, antwortete Bald und steckte das Gerät in die Tasche seiner Salwar-Hose. »Er ist ein hohes Tier, Davey Boy, und wir wissen exakt, wo er sich aufhält. Nämlich genau da drin.«
Alle Blades trugen regionale Kleidung, aber unter dem regionaltypischen Kameez trug jeder der Männer eine Einsatzweste der Spezialeinheiten vom Typ Viper mit vier Taschen für Reservemagazine und drei weiteren Taschen für Ausrüstungsgegenstände: Kompass, Karte, Feuerzeug, Goldmünzen, Wasserreinigungstabletten, Taschenmesser, Fallschirmleine.
Sie waren jetzt fünfzig Meter von dem Haus auf der anderen Seite der Straße entfernt, die nach Ragesh führte und nicht mehr war als ein ausgefahrener Streifen Asphalt, der zu neunzig Prozent aus Schlaglöchern und Dreck bestand. Bald führte die Gruppe an, danach Hands, und Gardner als dritter. Der vierte Mann im Team war ein Yankee. Anthony Shaw war ein Navy SEAL mit einem Blick so kalt wie eisgekühltes Bier und bleistiftdünnen Lippen, die er nur öffnete, um Bibelverse zu zitieren. Die anderen Jungs im Regiment waren nicht sonderlich religiös und verarschten Shaw von dem Moment an, als er mit dem Bibelquatsch angefangen hatte. So fing er sich den Spitznamen Prediger ein. Aber fairerweise musste man sagen, dass es der Yank nicht krummnahm. Man hatte ihn dem Team zugeteilt, weil die Operation ein gemeinsamer Einsatz der USA und des Vereinigten Königreichs war, aber insgeheim hatten Gardner und Bald sich gefragt, ob er sich bei der Mission nicht vielleicht als Schwachstelle herausstellen könnte. Es gab Gerüchte, Shaw hätte die Aufnahme ins Team für die bin-Laden-Sause verpasst, weil die SEAL-Commander den über zwei Meter großen, 300 Pfund schweren Afroamerikaner für einen Hitzkopf hielten. Lag wohl an seinem Blutdruck.
»Jesus«, hatte Bald zu Gardner gesagt, als die beiden allein waren und sich auf die Operation vorbereiteten. »Stell dir vor, wie schießwütig der Junge sein muss, wenn ihn selbst die verdammten Yanks für zu kampflustig halten.«
Die Männer bewegten sich schnell, passierten ein Rapsfeld, das in