3. KAPITEL
Aber jetzt reichte es. Sie hatte Lucinda zwar ein Versprechen gegeben, doch Lucaj war ihr entschieden eine Nummer zu groß. Sollte sie sich je wieder verabreden, was noch fraglich war, würde sie sich für die moderne Variante eines gemütlichen Hausmanns mit Pfeife und Pantoffeln entscheiden. Und sie würde es schön langsam angehen und sich nicht Hals über Kopf in eine leidenschaftliche Affäre stürzen, und das mit einem Mann, der vielleicht als internationaler Playboy bekannt war.
„Ich muss wirklich gehen.“ Sie sammelte ihre Habseligkeiten ein.
„Dann erlauben Sie mir, Sie zum Aufzug zu begleiten …“
Überrascht sah sie Lucaj an. Ihr Herz schlug viel zu schnell.Er will mich zum Aufzug begleiten?
Ein bisschen freute sie sich über sein Angebot. Nein, sie freute sich sogar sehr darüber. Es war schmeichelhaft, aufregend und leichtsinnig. Bisher war sie noch nie leichtsinnig gewesen.
„Ich komme schon klar.“Gut, ich habe gekniffen … Aber es war auch nicht einfach, lebenslange Verhaltensweisen plötzlich über Bord zu werfen. Denn Vorsicht stand sozusagen in Libbys DNA.
Doch Lucaj ließ sich nicht so leicht abwimmeln. Sie merkte, dass er hinter ihr war, als sie zur Tür ging. Ein Schauer lief ihr über den Rücken, als sie seinen sengenden Blick spürte. Bestimmt waren die hohen Absätze schuld daran. Denn mit diesen Schuhen bewegte sie sich anders. Wahrscheinlich schwangen ihre Hüften hin und her, ohne dass sie es beabsichtigte.
Inzwischen hatten sie die Tür zur Lobby erreicht, doch sie hatte sich immer noch nicht umgedreht, um Lucaj zu sagen, dass sie Türen auch selbst öffnen konnte. Plötzlich kam ihnen der diensthabende Hotelmanager entgegen. „Ms. Lancaster, entschuldigen Sie, dass ich störe, aber ich wollte Sie noch erwischen, bevor Sie nach oben gehen.“
„Ja?“ Überrascht sah sie den Mann an.
„Ich möchte mich bei Ihnen wegen des Durcheinanders bezüglich Ihres Zimmers entschuldigen, Ms. Lancaster. Und ich freue mich sehr, Ihnen sagen zu können, dass wir etwas anderes für Sie haben arrangieren können.“
Luce hat sich für mich eingesetzt, war Libbys erster Gedanke. Natürlich war es so. Lucinda musste in letzter Minute noch etwas für sie in die Wege geleitet haben. Sie wartete ab, was der Manager noch zu sagen hatte.
„Wir werden Ihnen die beste Unterkunft geben, die das Chatsfield zu bieten hat, Ms. Lancaster.“
„Ach, das ist wirklich nicht nötig.“
Jetzt war es an ihr, verlegen zu sein, besonders da Lucaj direkt hinter ihr stand. Doch sie kam nicht dazu, dem Mann zu erklären, dass ein helleres, ruhigeres Zimmer zwar schön wäre, sie aber gern in dem anderen Zimmer bleiben würde, weil sie keine Umstände machen wollte. Doch der Manager ließ nicht locker.
„Bitte sagen Sie nichts, bevor Sie sich die Suite angesehen haben und sicher sein können, dass sie Ihren Anforderungen genügt.“
„Die Suite?“ Sofort wurde Libby aus der glamourösen Welt, die ihr das Kleid und die Schuhe vorgegaukelt hatten, in die reale Welt katapultiert – eine Welt, in der sie nicht genug Geld hatte, um eine Suite zu bezahlen.
„Unsere beste“, versicherte der Manager.
„Das ist sehr freundlich von Ihnen, aber …“
„Wir bestehen darauf. Der Komfort unserer Gäste ist unser oberstes Anliegen.“ Er warf ihr ein gewinnendes Lächeln zu. „Wir wollen doch, dass Sie wiederkommen, Ms. Lancaster.“
Libby brachte ein nervöses Lachen zustande und merkte, dass die Augen des Hotelmanagers jedes Mal aufleuchteten, wenn er zu Lucaj sah.
„Libby?“, drängte Lucaj.
Er hatte recht, sie musste etwas sagen. Denn sie konnte nicht länger dastehen, ihr Hirn wie eingefroren, und die Tür zur Bar blockieren. Sie hatte ungefähr zwei Sekunden, um sich zu entscheiden.
„Das ist sehr freundlich von Ihnen“, sagte sie.
„Würden Sie dann beide bitte mitkommen?“, lud der Manager sie ein und deutete auf die Aufzüge.
Beide?Hat er wirklich beide gesagt?
Böses Mädchen?Gutes Mädchen?
Für welche Variante hatte ich mich noch einmal entschieden?
„Lucaj …“, murmelte Libby.
„Ja?“ Er beugte den Kopf, während seine Lippen sich schon verdächtig zu einem Lächeln verzogen. Er sah aus, als wüsste er bereits, welche Frage sie ihm stellen wollte.
„Würde es Ihnen etwas ausmachen, die Suite mit mir anzusehen?“
Er zögerte nur einen winzigen Moment. „Natürlich nicht. Sehr gern. Nach Ihnen …“
Aufzugtüren hatte Libby bislang nie als Einfallstor zu Sodom und Gomorrha betrachtet, und dies war ihre letzte Chance umzukehren …
Abgelehnt!
Eine Entscheidung zurückzunehmen, war ein Zeichen von Schwäche. Ihre Meinung zu ändern, war akzeptabel, aber sie wollte es gar nicht. Denn endlich war sie einmal allein irgendwo und ging nicht in der Menge unter. Sie könnte genau das tun, was sie wollte – oder auch nichts tun. Sie könnte ihrer Nase nachgehen, ihrem Instinkt folgen – oder nichts von alledem. Sie könnte zu Bett gehen, alles beim Alten belassen und morgen aufwachen, ohne dass sich etwas geändert hatte. Aber sie könnte auch das Risiko eingehen und einen Schritt ins Unbekannte wagen.
Am besten jedoch blieb sie die stille, zuverlässige Libby, deren Slips wahrscheinlich inzwischen trocken waren …
Die Aufzugtür öffnete sich. Lucaj und der Manager traten zur Seite, um ihr den Vortritt zu geben. Sie könnte böse sein – oder gut.
Moment mal, es gab noch eine dritte Möglichkeit. Sie könnte gut sein und trotzdem risikofreudig, sich die Suite mit Lucaj ansehen und sich ausmalen, dass er für eine Nacht ihr gehören würde. Anschließend würde sie ihm Gute Nacht sagen, denn im Grunde war sie Realistin, und alles Gute hatte irgendwann ein Ende.
Perfekt.
Allerdings hatte sie das seltsame Gefühl, dass sie die Welt des bösen Mädchens betrat, als sie an den beiden Männern vorbei in den Aufzug stieg. Aber es fühlte sich gut an.
Libby hatte sich in einen so hohen Grad von Selbstvertrauen hineingesteigert, dass sie ein wenig leichtsinnig wurde, als der Aufzug sich verlangsamte. Sie drehte sich um, darauf bedacht, die beiden Männer nicht zu berühren. Als sie den Gurt ihrer Handtasche über die Schulter hängte, rutschte der ganze Inhalt auf den Boden. Zwei Köpfe krachten gegeneinander, da Lucaj und Libby sich gleichzeitig bückten, um ihr Sammelsurium aufzuheben, während der Manager den Lift anhielt. Das Erste, was Libby aufhob, war die Zeitschrift des Hotels, und sie bemühte sich sehr, keine Reaktion zu zeigen, als sie Lucajs Gesicht vorn auf dem Cover bemerkte.
„Ich habe sie nicht gelesen“, versicherte sie mit geröteten Wangen und rappelte sich auf. Sie hatte keine Ahnung, wer er war, sondern wusste jetzt nur, dass er bekannt genug sein musste, um eine Titelseite zu zieren.
Von Lucaj kam lediglich ein amüsierter Blick.
Die Aufzugtür öffnete sich zu einem Paradies ruhiger Eleganz, wie der Manager die beste Suite vom Chatsfield bezeichnete. Er ging voraus und trat zur Seite, nachdem er eine beeindruckend aussehende Tür geöffnet hatte, die in eine riesige Suite führte.
„Nach Ihnen, Ms. Lancaster, und …“ Als Libby an den beiden Männern vorbeiging, verstummte er, nachdem er Lucaj – wie Libby bemerkte – einen Blick zugeworfen hatte.
„Ist diese Unterkunft für Sie akzeptabel, Ms. Lancaster“, fragte der Manager ein wenig besorgt.
„Sie ist wunderschön“, entgegnete Libby voller Ehrfurcht. Aber sie konnte sich die Suite nicht leisten. Ansehen kostete jedoch nichts. Die Suite