2. Kapitel
»Vater? Entschuldigt dieStörung, ich weiß ja, Ihr arbeitet um diese Zeit. Darf ich Euch etwas fragen?«
Der hochgewachsene, schlanke Mann sah von seinem Schreibtisch auf, rückte die weiche blaue Kappe zurecht und strich die Ärmel des blauen Mantels über die Ellbogen hoch.
Einen Moment lang starrte das Mädchen auf die sanften Locken in den braunen Haaren des Vaters, die weich bis auf die Schulter fielen. Solche lustigen Kringel hätte sie auch gern gehabt, sie beschloss die Zofe der Mutter danach zu fragen, wie man sie auch in ihre Haare würde zaubern können.
»Nun, Käthe, was ist denn so wichtig, dass du mich bei der Arbeit unterbrichst?«, erkundigte er sich freundlich und ein breites Lächeln nahm dem markanten Gesicht etwas der Härte.
»Verzeiht bitte, wenn ich Euch beim Schreiben störe. Aber, wisst Ihr inzwischen, wann die nächste Lieferung kommen wird?«, antwortete sie artig.
Joachim von Eichwald schüttelte mit bedauernder Miene den Kopf. »Tut mir leid, Käthe. Bisher habe ich keine Nachricht erhalten.«
Das blonde Mädchen stampfte bockig mit dem Fuß auf. Trampelte dann ungeduldig auf dem Boden herum, zupfte den Vater am Ärmel der Jacke. »Ich warte doch schon so unendlich lang!«
»Ungeduld ist keine Zier!«, mahnte der Vater und lächelte seine hübsche Tochter milde an. »Auch nicht in deinem Alter!«, ergänzte er schärfer und bedachte das Mädchen mit einem strafend-strengen Blick, wie es von einem guten Vater erwartet wurde. Seine dunklen Augen zogen weiter in Richtung Rute, die stets in Griffweite lag. Immerhin hörte die Kleine daraufhin mit dem Zappeln auf.
»Aber Vater! Es kann doch nicht sein, dass das Schiff noch immer nicht im Hafen liegt! Sollte es nicht schon vor Tagen einlaufen?« Trotzig schob das Kind die Unterlippe vor. »Ich möchte ihn doch so gern!«
»Das weiß ich ja«, beruhigte der Vater, hob seine Tochter auf den Schoß. »Im Alter von acht Jahren bewegt sich die Zeit nicht schnell genug, nicht wahr? Mir dagegen könnte alles ruhig etwas langsamer gehen. Das Wetter ist schlecht, die Schiffe kämpfen draußen gegen mannshohe Wellen. Es kann dauern.«
»Aber Vater, sie werden doch Vögel mitbringen?«
»Das denke ich schon. Wenngleich der Winter keine gute Jahreszeit dafür ist. Hoffen wir, dass es auf der Reise nicht allzu stürmisch und kalt war. Du weißt ja nun sehr gut, dass dein singbegeisterter Freund keine kalte Luft verträgt.«
»Ja.« Das Mädchen senkte den Blick. Schuldbewusst. »Ich habe das nicht mit Absicht getan. Das wisst Ihr doch. Noch einmal wird es nicht passieren, das verspreche ich!«
»Mit Versprechungen soll man vorsichtig sein, Käthe. Der so fröhlich singende Vogel ist gestorben, weil du eitel warst. Du hast ihn über dich selbst vergessen. So ist er in der eisigen Luft erfroren. Lass dir das eine Lehre sein.«
Tränen standen in den Augen der Tochter. Fast bereute der Vater seine harten Worte. Doch als ein listiger Zug über das Gesicht der Kleine