Als der Wasserdampf sich allmählich verzog, tauchten nach und nach die Körper der Turnerinnen auf. Oberschenkel, Hintern. Hier und da konnten sie sogar einen Blick auf knospende Brüste erhaschen. Allerdings würden sie nicht lange auf dem Mauervorsprung stehen bleiben können: Die Beine schliefen ihnen ein, und es gab dort nichts, woran sie sich hätten festhalten können. Deswegen unternahmen sie diese Ausflüge auch immer zu zweit: um einander abzustützen.
Heute hatten sie ausnahmsweise einen Dritten dabei. Nadel. Wie immer er in Wahrheit hieß. Allerdings durfte er nicht mitgucken. Er musste Schmiere stehen und konnte sich freuen, dass er überhaupt mit ihnen herumziehen durfte. Immerhin war Nadel ein Jahr jünger.
Jedes Mal zogen sie Streichhölzer, wer als Erster schauen durfte. Dann suchten sie sich eine Favoritin aus und schwiegen anschließend die halbe Nacht darüber, während Marcin nebenher Gitarre spielte, nicht sonderlich gut und eigentlich auch nur eine Handvoll Songs: »Rape me«, »In Bloom«, »Smells Like Teen Spirit« von Nirvana oder eine Ballade von My Dying Bride. Nach einer Weile legte er das Instrument zur Seite und summte irgendetwas vor sich hin, eine eigene Komposition, eine Mischung aus Gedicht und Lied. Die Pillen mit dem Asterix-Bild und ein bisschen Gras halfen ihm dabei, kreativ zu sein.
Heute waren sie zum genau richtigen Zeitpunkt aufgetaucht. Bevor die Turnerinnen in der Tür zum Duschraum erschienen waren, hatten die Jungs draußen schon das vergnügte Kichern hören können. Marcin hatte einen Kloß im Hals gehabt. In die Erregung hatte sich die Befürchtung gemischt, dass jemand sein Gesicht im Fenster hinter dem löchrigen Fliegengitter erkennen könnte. Die Scheibe hatten sie bereits vor Wochen ausgeschlagen, und bisher hatte noch niemand ihr Fehlen bemerkt. Nicht mal die Hausmeisterin, die sie in der vergangenen Woche vom Sportplatz gescheucht hatte, weil sie dort geraucht hatten. Die Schläge mit dem Besen spürte er noch immer. Aber es hätte deutlich schlimmer kommen können. Sie hatten es geschafft, über den Stacheldraht zu klettern und das Weite zu suchen, dabei hätten sie ebenso gut im Büro des Direktors des Conradi-Gymnasiums oder sogar auf dem Revier landen können. Die Löcher in ihren Jacken trugen sie wie Wunden nach einer Schlacht stolz zur Schau.
Aufgeregt plappernd strömten die Mädchen in den Duschraum. Ihr Geschnatter füllte die Luft wie das eines ganzen Vogelschwarms. Ihre Stirnen waren feucht vom anstrengenden Training, die Wangen gerötet, die Augen glänzten. Sie lachten, riefen durcheinander. Die meisten zogen sich bereits im Gehen aus, warfen die verschwitzten Trikots auf die Bänke oder auf den Boden vor den Duschen. Träge zogen sie die Haargummis von den Zöpfen.
Zu zweit oder zu dritt gingen sie unter die Dusche, seiften sich gegenseitig ein, zeigten ihre jungen Brüste oder griffen einander zum Spaß an den Po.
Nur eine von ihnen – fast noch ein Kind – stand nach wie vor vollständig bekleidet an der Tür. Als Einzige aus der Gruppe trug sie lange Leggings. Die Arme hatte sie vor dem Bauch überkreuzt. Sie wirkte unsicher, fluchtbereit. Auch sie hatte sich das Haar zu einem Zopf gebunden, nur ein paar lose Strähnen klebten auf den Wangen. Marcin hatte sie noch nie gesehen.
»Komm jetzt runter!«
Przemek schlug ihm so heftig gegens Bein, dass Marcin auf dem Mauervorsprung