1897
Auf dem Kirchplatz von Warnemünde hatten sich kleine Gruppen von Schaulustigen gebildet, die der Ankunft der Braut entgegenfieberten. Offenbar Touristen, die bei einem Spaziergang durch den Ort zufällig auf die Hochzeit aufmerksam wurden. Trotz der für die Badesaison üblichen Vielfalt an Veranstaltungen bot ein Fest wie dieses für die Fremden eine willkommene Abwechslung. Die vielen gut gekleideten Gäste, die durch das im gotischen Stil erbaute Portal des neuen Gotteshauses eilten,waren der Beweis für ein großes gesellschaftliches Ereignis, sogar drei Kutschen und ein Automobil parkten am Rand der angrenzenden Poststraße.
Warnemünde war einst ein unbedeutendes Fischerdorf an der Ostsee gewesen, dann wurde es zu einem bedeutenden Hafen der Segelschifffahrt, und seit der Adel und das vornehme Bürgertum eine gewisse Begeisterung für das sogenannte Luftbaden und die See gewonnen hatten, entwickelte sich der Fremdenverkehr. Inzwischen kamen auf die mehrere tausend Einwohner zählende Gemeinde mindestens ebenso viele Besucher, Hotels und Pensionen entstanden an der Seestraße mit Blick über den breiten, endlos wirkenden weißen Sandstrand und die Ostsee, an der Vorderreihe am Alten Strom wurden in den kleinen aneinandergeschmiegten Kapitänshäusern zahlreiche Ferienwohnungen mit dem Luxus einer eigenen Küche vermietet. Die hochherrschaftliche Eleganz des nahe gelegenen Heiligendamm suchte man hier vergebens, wohl aber Vornehmheit und sämtliche Genüsse eines Badeorts. Der Fremdenverkehr florierte und förderte auf diese und jene Weise den Wohlstand der Gemeinde. Man war stolz auf das Erreichte. Aber wenn eine junge Frau aus alteingesessener Handwerksfamilie einen wohlhabenden Manufakturbesitzer aus Rostock heiratete, war dies auch für die Einheimischen eine Attraktion.
Als die Braut am Arm ihres Vaters erschien, teilte sich die Menge, ein leises Getuschel setzte ein, und Blicke und Finger richteten sich auf die in der Sonne glitzernde Brautkrone der ansonsten in schlichtes Schwarz gekleideten jungen Frau. Nicht ihr hübsches ovales Gesicht mit den ein wenig schräg liegenden blaugrünen Augen war der Blickfang, sondern die schwere Kopfbedeckung, die aus Silberdrähten, bunten Glasperlen und Goldfäden gefertigt war und der Trägerin eine gerade Haltung und einen guten Gleichgewichtssinn abverlangte. Irgendjemand in der Menge klatschte, ein paar andere Neugierige fielen mit ein, und schließlich brandete Applaus auf wie nach einem gelungenen Kurkonzert.
Unwillkürlich fragte sich Katharina, ob der Beifall der kostbaren Handarbeit auf ihrem Haar galt oder ihrem Geschick, dieHochzeitstracht so gelassen zu tragen, als handelte es sich um ein einfaches Kostüm. Oder applaudierten manche Menschen ganzautomatisch, wenn sie eine Einheimische auf dem Weg zum Altar beobachten durften? Wie eine lebendige Sehenswürdigkeit. Als wäre sie der neue Leuchtturm, dessen Fertigstellung ihr Vater alsleitender Baumeister überwachte. Ein stiller Seufzer setzte sich in ihrer Kehl