Eins
Vor ihr lag ein Abend, bei dem alle Kräfte nötig waren. So empfand es zumindest Meryl. Denn wenn sie sich ihre Familie besah, beschlich sie das ungute Gefühl, dass sie die Last allein stemmen musste.
Es war erst Mittag, doch in ihrer nervösen Vorfreude konnte sie es nicht erwarten, das gute Service hervorzuholen und den Tisch zu decken. Eigentlich wollte sie sich nicht derart unter Druck setzen, doch sie kam nicht dagegen an. Bei diesem Dinner musste absolut alles stimmen. Sie musste es ein wenig übertreiben.
»Denk daran, Schatz, hierbei geht es nicht um dich«, hatte Hugh am Morgen auf dem Weg zur Tür gesagt. Dieser Satz verfolgte sie. Er war Erleichterung und Ärgernis.
»Ich mache das für Meg«, hatte sie eingeschnappt erwidert.
Hugh hatte ihr mit wissendem Lächeln einen Kuss auf die Stirn gegeben und die Hand gedrückt.
Endlich würden sie die Eltern des Mannes kennenlernen, den ihre Tochter heiraten würde. Meryl hatte einiges schon über sie in derNew York Times und derVanity Fair gelesen, sie sogar aufCNN gesehen, doch gelassener hatte sie das nicht gemacht. Auch das sind nur Menschen, rief sie sich zur Ordnung. Und außerdem gehören wir bald alle zu einer Familie.
Sie wählte die Handynummer ihrer Mutter, auch wenn der Versuch bestimmt vergeblich war. Mit ihren sechsundachtzig Jahren war sie für neue Technologien nicht mehr zu begeistern, und sie sah auch nicht ein, sich für ihre Unlust zu rechtfertigen. Meryl war es trotzdem lieber, dass ihre Mutter ein Handy hatte, auch wenn diese Tatsache gerade ihren Missmut nur noch steigerte.
»Mutter, ich bin’s. Ich will nur sicherstellen, dass du um drei fertig bist. Ich hole dich dann für das Dinner ab. Bitte. Dieser Abend ist für uns sehr wichtig.«
Sie zögerte. Sollte sie ihre Nachricht mit »Ich hab dich lieb« oder »Ich freu mich auf dich« beschließen? Solche Worte gehörten nicht zu ihrem Umgangston, und es hätte seltsam geklungen, sie nun anzubringen – verzweifelt. So als ob sie ihre Mutter an diesem Abend gebraucht hätte. Doch das tat sie. Gegen alle Vernunft hoffte Meryl, dass sie sich, wenn auch nur an diesem einen Abend, als ganz normale Familie präsentieren könnten. Wenn schon nicht um ihretwillen, so wenigstens um ihrer Tochter willen.
Das war das Problem an Hochzeiten: Sie zwangen sämtliche Mitglieder einer Familie dazu, friedlich miteinander umzugehen, ob es ihnen passte oder nicht.
Meryl zog die Gardinen beiseite und schaute auf den Fluss. Der Ausblick auf den East River war selbst nach zwanzig Jahren das, was sie an ihrem Heim am meisten schätzte. Das Wasser beruhigte sie. Ein anderes Manhattan, ohne diese Szenerie, konnte sie sich gar nicht vorstellen. Andererseits hatte sie sich früher auch nicht vorstellen können, dass ihre Mädchen einmal groß werden und das Nest verlassen würden. Und nun war es Alltag