Erstes Kapitel
Seattle, Washington.
Anfang November. Gegenwart.
1. Tag
Hannah und ihr Mann hatten seit sechs Wochen keinen Sex mehr gehabt. Sechs Wochen und drei Tage, die längste Abstinenzphase in ihrer Beziehung. Hannah wusste das so genau, weil sie darüber Buch führte. Ab dem ersten Mal, dass sie miteinander geschlafen hatten, hatte sie einen kleinen Strich in ihrem Terminplaner gemacht, schwarze Häkchen, die sich übers Jahr ansammelten, augenzwinkernde erotische Andenken.
Während der vergangenen zwei Jahre waren die Lücken immer größer geworden. Dallin war dreiunddreißig und sie vierunddreißig. Es gab keinen triftigen Grund für solche Lücken in ihrem Alter, fand sie.
Er musste lange arbeiten. Oder er war müde. Oder, die häufigste Entschuldigung: Er war gestresst. Das vor allem ließ sie überhaupt nicht gelten. Was gab es für ein besseres Mittel gegen Stress als Sex? Sie verstehe das nicht, sagte er dann.So funktioniert das nicht. Weißt du, unter was für einem Druck ich stehe? Ich kann nicht auf Kommando Leistung bringen.
Blödsinn, dachte sie. Noch vor zwei Jahren konnte sie nicht mal in einer schlabberigen Jogginghose durchs Schlafzimmer gehen, ohne dass er über sie hergefallen wäre.
Doch er war merklich distanziert gewesen in letzter Zeit, auf eine Art, mit der ältere Paare sich vielleicht wohlfühlten. Hannah fühlte sich kein bisschen wohl damit, sie fand es bloß verstörend und traurig. Wie lange konnte man es auf alle möglichen anderen Dinge im Leben schieben, wenn es vielleicht einfach daran lag, dass ihre Liebe am Erkalten war?
Die Zunahme der Lücken deckte sich zwar nicht ganz mit ihrem gemeinsamen Entschluss, eine Familie zu gründen, aber es bestand offensichtlich ein Zusammenhang. Sie hatte sich schon gefragt, ob er wirklich ein Kind wollte, denn obwohl er es beteuerte, war nicht zu leugnen, dass sie immer weniger dafür taten, eines zu zeugen.
Heute Nacht aber konnte sie einen Strich im Kalender machen.
Dallin stieß in sie hinein. Sie lag bäuchlings auf ihrem King-Size-Bett, die Daunendecke zu einem Haufen zusammengeschoben und sich halb auf den Boden ergießend wie eine Schneewehe. Hannah drehte ihren Kopf zur Seite, die eine Wange heiß von der Durchblutung, die andere kühl von der türkischen Baumwolle. Ihre Augen waren geschlossen. Dallin verschränkte seine Finger mit ihren, beinahe schmerzhaft fest, während er sich von hinten in sie drängte. Seine Stöße kamen unregelmäßig, beinahe verzweifelt, bis sie nach und nach aufhörten. Hannah öffnete blinzelnd die Augen, als er sein Gewicht verlagerte. Sie spürte, wie er mit der Zunge eine Linie von ihrem Steißbein bis zu der Vertiefung zwischen ihren Schulterblättern zog, und da verstand sie. Er wollte sieverschlingen.
Wenn es gut zwischen ihnen war, wie an diesem Abend, fühlte sie sich von Dallin so begehrt wie von keinem anderen Mann je zuvor. Wenn er so war wie heute, verlängerte er seine Lust gern, indem er sich zurückhielt und ihren Körper mit der Zunge erforschte, von den Zehen bis zu den Ohrläppchen, als könnte er nicht genug von ihr bekommen. Manchmal biss er sie, manchmal grub er seine Fing