Ende schlecht, alles schlecht?
Die Osterferien sind vorbei. Und mit ihnen unser Leben in Hamburg. Ich sitze auf dem Beifahrersitz und versuche, nicht daran zu denken, dass das hier das Ende ist. Zumindestein Ende. Eben war dieses alte Backsteinhaus noch mein Zuhause. Jetzt ist es das nicht mehr. Meine Augen brennen, aber ich werde nicht weinen. Nicht wegen so etwas.
Mein Vater öffnet die Fahrertür und lässt sich neben mir auf den Sitz fallen, dann atmet er tief ein, so als wären wir im Schwimmbad und er würde jeden Augenblick untertauchen. »Also gut, Motte«, sagt er und stößt langsam die Luft aus, »dann wollen wir mal.«
Ich will nicht. Ich will meine drei Kisten wieder auspacken und hierbleiben. Aber es geht nicht um das, was ich will. Wenn man siebzehn ist, tut es das eigentlich nie.
»Hast du alles?«
Ich antworte mit einem langsamen Nicken, weil er sonst in meiner Stimme hören würde, was ich ihm zuliebe für mich behalte. Ich weiß, dass er einen Neuanfang braucht. Für meinen Vater war dieser Schritt lange überfällig. Wütend macht es mich trotzdem.
Papa startet den Motor. Er wirft noch einen letzten, flüchtigen Blick auf das Haus, in dem ich Laufen gelernt habe, dann legt er den Rückwärtsgang ein und manövriert den vollbepackten Kombi aus der Einfahrt. Wir fahren die schmale Allee hinunter. Ihre nackten Linden stehen Spalier wie hölzerne Skelette, die sich regungslos von uns verabschieden. Sie werden uns nicht vermissen. Aber ich werde sie vermissen. Ihren Duft und das Rascheln ihrer Blätter im Wind. Wenn man von den Wintermonaten absieht, bin ich die vergangenen sechzehn Jahre zu diesem Geräusch eingeschlafen.
»Sophie, ist alles okay?«
Ich schaue zu ihm rüber. »Klar«, sage ich, »alles gut.« Meine Stimme verrät, dass nichts gut ist. Papa weicht meinem Blick aus und schweigt. Es ist ein lautes Schweigen. Wir holpern über das Kopfsteinpflaster, vorbei an den viktorianischen Häusern mit ihren bunten Türen und den teuren Autos in den Auffahrten. Das Leben, wie ich es kannte, ist vorbei. Es endet genau jetzt. In diesem Moment. Und jeder Meter, der uns von unserem alten Haus trennt, vertieft den sauberen Schnitt, den mein Vater für uns entschieden hat. Es ist ein Schnitt, der meine Kindheit und Jugend aus meinem Gesamtbild herausschneidet. Ich will schreien, aber ich verziehe keine Miene. Ich schaue nur reglos aus dem Fenster.
Etwas über eine Stunde später halten wir an einer Tankstelle, kaufen ein paar Getränke und belegte Brote, die so aussehen, als wären sie aus dem letzten Jahrhundert. Labbriger Toast und gräuliche Salami. Igitt.
»Geh du ruhig schon mal ins Auto, ich bezahle derweil«, sagt Papa und hält mir den Schlüssel entgegen.
Die elektrische Schiebetür öffnet sich, und ich trete durch einen Schwall abgestandener Klimaluft nach draußen in die nasskalte Realität. Die meisten Menschen sind gleichgültig bis schlecht gelaunt, und es stinkt nach Benzin. Mein Atem schwebt als kleine Wolke vor mir her, als wollte er mir den Weg weisen. Ich schließe den Wagen auf und verkrieche mich in seiner wohligen Wärme, dann werfe ich die Tür zu und schnalle mich an wie ein artiges Kind, das sich auf den Wochenendaus