ABSCHIED VOM ZIMMER
Ein ganz gewöhnliches Zimmer in einem ganz gewöhnlichen Miethaus, nichts Besonderes, nichts Auffälliges, nichts Eigenartiges darin.
Zuerst war alles still in dem Zimmer. Der Morgenwind bauschte den weißen Vorhang im offenen Fenster, es gab ein leises, zartes Geräusch. Der Atem des Schlafenden war zu hören, ruhig, gleichmäßig.
Draußen pfiff ein Stadtbahnzug vorbei, die Räder holperten; je weiter er sich entfernte, um so stockender wurde das Rattern, tattat - tat ... tattat - tt ... tat - tt ... tat ... Zwei Schläge einer Kirchenglocke, eine Sirene vom Automontagen-betrieb, ein dicker, nach oben sich verbreiternder weißer Strahl in der Luft. 5 Uhr 30. Um diese Zeit wurde die Strecke lebhafter, Zug hinter Zug, der Rauch kroch in die taufeuchten Bahnböschungen, die Häuser am Bahndamm zitterten - alte, hohe Kästen, angerußt, bejahrt und mürrisch. Der Heizer eines Zuges spuckte im weiten Bogen über die Böschung, der Speichel zog sich auseinander, wurde ein Stück vom Winde fortgetragen, hochgetrieben und schließlich zerfetzt. Interessiert sah der Mann auf der Maschine seiner Schöpfung nach.
Im Zimmer war alles still, kein Atem mehr zu hören. Der junge Mann im Bett lag noch auf derselben Stelle, die Decke war heruntergerutscht, sie bedeckte den Unterkörper, das rechte Bein hatte sich freigestrampelt. Seine Augen waren geöffnet, sie starrten an die Decke. Diese Decke glich allen übrigen Decken, milchigweiß getüncht, mit großen Sprüngen und Rissen, ein gipsernes kärgliches Stuckornament in der Mitte. In der linken Ecke, nach dem Fenster zu, befand sich ein brauner, schmutziger Fleck von beträchtlichem Umfang, der darauf hindeutete, daß die Decke bei Regengüssen wasserdurchlässig war. Immerhin, in diesem Sommer konnten die Bewohner des Zimmers nicht klagen, große Gewitter waren ausgeblieben, auf den Asphaltstraßen promenierten dauernd die Sprengwagen, und in frommen Dörfern veranstalteten die Bauern Bittprozessionen für die verdorbenen Felder.
Der junge Mann starrte zur Decke und horchte. Nach dem langen Pfiff des Automontagenbetriebes mußten schnell hintereinander aus entgegengesetzten Richtungen zwei Stadtbahnzüge kommen. Er hörte sie schon aus einiger Entfernung pfeifen, sie polterten rasch näher, eine Weile floß das Holpern und Stampfen zu einem einzigen knirschenden Lärm zusammen, die Fenster zitterten, die Maschinen heulten, die Züge lösten sich wieder, man konnte die Geräusche des stadtwärts fahrenden Zuges vom Vorortzug unterscheiden, das Räderrollen wurde sanfter, ferner, leiser ..., das also war bestimmt 5 Uhr 30.
Der junge Mann im Bett angelte nach einer Armbanduhr, die auf einem Stuhl lag. Er sah sie an, die Zeiger standen auf zehn vor zwölf. Sein Gesicht verzog sich, er warf die Uhr auf den Stuhl zurück, wälzte sich herum, den rechten Unterarm unter dem Hinterkopf, und starrte wieder die Decke an.
Der junge Mann dachte nach.
Seine Gedanken waren sehr einfach.
Die Uhr hätte schon lange mal repariert werden müssen. Wird drei Mark kosten. Viel zu teuer. Man kann eigentlich nie kontrollieren, was mit den Dingern los ist. Die Uhrmacher werden es genauso drehen wie wir in der Montage. Statt der neuen Zündkerze berechnet man eben einfach eine Kurbelwelle, vorausgesetzt, daß ein Greenhorn sich opfert ... Gott, war das ne schöne Zeit. In fremden Kästen durch die Stadt flitzen, probeweise, Benzin riechen, vor den Mädchen dicke tun, am Freitag Geld in der Tasche haben. Und dann saß man auf der Straße. „Wir haben Sie vorgemerkt, tut uns leid, Überangebot an Chauffeuren.“ Ein paar Wochen geht das schließlich, dann beginnt es zu kribbeln im Kopf, immer zu kribbeln. Untätig auf den Arbeitsämtern herumzusitzen, morgens und abends den Zettel hereinreichen. Arbeit? „Kommen Sie mor