: Rudolf Braune
: Junge Leute in der Stadt Roman
: Reese Verlag
: 9783944621159
: 1
: CHF 2.70
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: Hauptwerk vor 1945
: German
: 364
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Berlin, Weltwirtschaftskrise 1929, Arbeitslosigkeit und politische Konfrontationen. Der arbeitslose Kraftfahrer Emanuel kommt vorübergehend bei seinem Freund Fritz in dessen kleiner Wohnung unter, lernt am gleichen Tag die selbstbewusste Revue-Tänzerin Susi kennen, sie weckt gleich sein Interesse, sie verlieben sich ineinander, es passiert ungeheuer viel an so einem Tag. Mittels Montagetechnik und vielfältiger Erzählstränge verschafft uns Rudolf Braune einen Einblick in das Leben junger Erwachsener zum Ende der Weimarer Republik. Insgesamt sind es sieben junge Leute, deren Wege sich in Berlin kreuzen, realistisch erzählt mit genauen Milieubetrachtungen und großartigen dialogischen Passagen. Orte dieser Begegnungen sind u. a. Warenhaus, Friseurladen, Buchhandlung, Café, Fabrik, Tankstelle, Hotel, Sportplatz und Polizeiwache. Während einer Arbeitslosendemonstration wird ein Polizist mit einem Polizeiseitengewehr niedergestochen. Man verdächtigt Emanuel. Abends in Susis Revue wird er verhaftet, es kommt zu einer Gerichtsverhandlung. Es ergeht folgendes Urteil: Lernen Sie den 'Dichter, Menschenfreund und Menschenkenner' (Volker Weidermann) Rudolf Braune und die 'Jungen Leute in der Stadt' kennen. 'Braunes Werke sind als Arbeiterliteratur zwar weitgehend in Vergessenheit geraten, sie gelten jedoch wegen ihrer ungewöhnlichen Stilsicherheit und, bei aller Parteilichkeit, differenzierten Personenzeichnung und Handlungsführung als bedeutende Beispiele der erzählerischen Neuen Sachlichkeit in der deutschen Literatur.' (Wikipedia)

ABSCHIED VOM ZIMMER


 

Ein ganz gewöhnliches Zimmer in einem ganz gewöhnlichen Miethaus, nichts Besonderes, nichts Auffälliges, nichts Eigenartiges darin.

Zuerst war alles still in dem Zimmer. Der Morgenwind bauschte den weißen Vorhang im offenen Fenster, es gab ein leises, zartes Geräusch. Der Atem des Schlafenden war zu hören, ruhig, gleichmäßig.

Draußen pfiff ein Stadtbahnzug vorbei, die Räder holperten; je weiter er sich entfernte, um so stockender wurde das Rattern, tattat - tat ... tattat - tt ... tat - tt ... tat ... Zwei Schläge einer Kirchenglocke, eine Sirene vom Automontagen-betrieb, ein dicker, nach oben sich verbreiternder weißer Strahl in der Luft. 5 Uhr 30. Um diese Zeit wurde die Strecke lebhafter, Zug hinter Zug, der Rauch kroch in die taufeuchten Bahnböschungen, die Häuser am Bahndamm zitterten - alte, hohe Kästen, angerußt, bejahrt und mürrisch. Der Heizer eines Zuges spuckte im weiten Bogen über die Böschung, der Speichel zog sich auseinander, wurde ein Stück vom Winde fortgetragen, hochgetrieben und schließlich zerfetzt. Interessiert sah der Mann auf der Maschine seiner Schöpfung nach.

Im Zimmer war alles still, kein Atem mehr zu hören. Der junge Mann im Bett lag noch auf derselben Stelle, die Decke war heruntergerutscht, sie bedeckte den Unterkörper, das rechte Bein hatte sich freigestrampelt. Seine Augen waren geöffnet, sie starrten an die Decke. Diese Decke glich allen übrigen Decken, milchigweiß getüncht, mit großen Sprüngen und Rissen, ein gipsernes kärgliches Stuckornament in der Mitte. In der linken Ecke, nach dem Fenster zu, befand sich ein brauner, schmutziger Fleck von beträchtlichem Umfang, der darauf hindeutete, daß die Decke bei Regengüssen wasserdurchlässig war. Immerhin, in diesem Sommer konnten die Bewohner des Zimmers nicht klagen, große Gewitter waren ausgeblieben, auf den Asphaltstraßen promenierten dauernd die Sprengwagen, und in frommen Dörfern veranstalteten die Bauern Bittprozessionen für die verdorbenen Felder.

Der junge Mann starrte zur Decke und horchte. Nach dem langen Pfiff des Automontagenbetriebes mußten schnell hintereinander aus entgegengesetzten Richtungen zwei Stadtbahnzüge kommen. Er hörte sie schon aus einiger Entfernung pfeifen, sie polterten rasch näher, eine Weile floß das Holpern und Stampfen zu einem einzigen knirschenden Lärm zusammen, die Fenster zitterten, die Maschinen heulten, die Züge lösten sich wieder, man konnte die Geräusche des stadtwärts fahrenden Zuges vom Vorortzug unterscheiden, das Räderrollen wurde sanfter, ferner, leiser ..., das also war bestimmt 5 Uhr 30.

Der junge Mann im Bett angelte nach einer Armbanduhr, die auf einem Stuhl lag. Er sah sie an, die Zeiger standen auf zehn vor zwölf. Sein Gesicht verzog sich, er warf die Uhr auf den Stuhl zurück, wälzte sich herum, den rechten Unterarm unter dem Hinterkopf, und starrte wieder die Decke an.

Der junge Mann dachte nach.

Seine Gedanken waren sehr einfach.

Die Uhr hätte schon lange mal repariert werden müssen. Wird drei Mark kosten. Viel zu teuer. Man kann eigentlich nie kontrollieren, was mit den Dingern los ist. Die Uhrmacher werden es genauso drehen wie wir in der Montage. Statt der neuen Zündkerze berechnet man eben einfach eine Kurbelwelle, vorausgesetzt, daß ein Greenhorn sich opfert ... Gott, war das ne schöne Zeit. In fremden Kästen durch die Stadt flitzen, probeweise, Benzin riechen, vor den Mädchen dicke tun, am Freitag Geld in der Tasche haben. Und dann saß man auf der Straße. „Wir haben Sie vorgemerkt, tut uns leid, Überangebot an Chauffeuren.“ Ein paar Wochen geht das schließlich, dann beginnt es zu kribbeln im Kopf, immer zu kribbeln. Untätig auf den Arbeitsämtern herumzusitzen, morgens und abends den Zettel hereinreichen. Arbeit? „Kommen Sie mor