Der Überfall
Semplet aliquid haeret-
Etwas bleibt immer hängen
Es war eine schwülwarme Sommernacht im Jahre 1636. Der lange Krieg hatte das Land noch immer fest in seinem Würgegriff.
Die Männer kamen wie aus dem Nichts. Plötzlich standen sie im Zimmer. Alles ging so schnell. Johannes Wagner, Sohn der mittellosen Leibeigenen Bernwardt und Martha Wagner, schreckte in seinem kleinen Bett hoch. Die Dunkelheit in der kargen Holzhütte, die umgeben von ausgedörrtem Boden in einem kleinen Dorf vor den Toren der Stadt Frankfurt lag, hielt den knapp zehnjährigen Jungen noch gefangen. Verschlafen, die blonden Haare wirr vom Kopf abstehend, versuchte er, Schärfe in den Blick seiner blauen Augen zu bekommen. Eben noch hatte er auf einer saftig grünen Wiese gespielt, alles war schön und warm gewesen. Jetzt, aus seinen Träumen gerissen, lag er, nur bekleidet mit einem alten abgetragenen Hemd, das zudem noch schmutzig und löchrig war, auf seinem Strohlager. Um ihn herum standen mehrere fremde Männer und sagten seltsame Dinge.
»Wo kommt der denn jetzt auf einmal her?«, hörte Johannes einen der Männer sagen.
»Wusstet Ihr, dass sie ein Kind haben?«, fragte ein Anderer.
»Natürlich, ich hatte es nur vergessen«, sagte ein Dritter.
Johannes spürte eine eiskalte Hand im Nacken. Aber da war keine Hand. Nur die Angst. Diese Männer wirkten bedrohlich. Der Junge spürte instinktiv, dass sein Leben in Gefahr war. Starr saß er in seinem Nachtlager und bat den lieben Gott zu machen, dass es aufhört.
»Und jetzt?«
»Verdammt!«
»Meint Ihr, er hat etwas gesehen?«
»Kann man nicht wissen.«
»Was sollen wir mit ihm machen?«
»Ersäuft ihn im Bach!«
»Aber er ist doch noch ein Kind!«
»Das uns an den Galgen bringen kann, vergiss‘ das nicht, Schrummbiegel!«
»Ihr seid wirklich grausam, mein Herr.«
»Vielen Dank. Ich fühle mich geehrt.«
»Edgar, erledigt das!«
»Wieso ich?«
»Weil ich es sage!«
»Aber ich wollte meinen Saft auch noch loswerden.«
»Pech gehabt.«
»Herr, darf ich derweil, … wo ihr doch mit ihr fertig seid … da dachte ich ...«
»Na gut, aber mach schnell.«
Edgar schaute seinen Herrn ungläubig an und rührte sich nicht vom Fleck.
»Was ist? Willst du Wurzeln schlagen?«, fuhr dieser Edgar an. »Geh und wirf den Balg in den Fluss, ich muss zurück nach Frankfurt, man wartet auf mich. Wir haben heute Abend ein Bankett.«
Zögerlich trat Edgar auf Johannes zu, während die beiden anderen Männer den Raum so schnell verließen, wie sie ihn betreten hatten. Der Junge saß immer noch wie gelähmt in der Ecke und verschanzte sich hinter seiner löchrigen Decke. Der Mann, der auf Johannes zukam, stank fürchterlich. Eine Fahne aus Alkohol, Zwiebeln und modrigem Geruch umgab ihn. Johannes ekelte sich. Jetzt, wo sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, konnte er mehr erkennen. Der Mann war gekleidet wie ein Soldat. Er trug langes, zotteliges Haar und hatte einen löchrigen Bart, der nicht das ganze Gesicht bedeckte. Sein Wams war in der Körpermitte von einem schmutzigen Rot. Die Ärmel waren braun. Auf seiner Brust trug er ein Wappen, und in seiner Hand hielt er einen Dolch.
Sekunden später hatte Edgar den Jungen mit einem schnellen Griff eingefangen. Johannes versuchte zwar, sich zu wehren, hatte aber mit seiner schmächtigen Gestalt gegen den großen Mann keinerlei Aussicht auf Erfolg. Er schlug wild um sich, traf zwar den Angreifer, doch seine kindlichen Schläge bl