Kapitel 1
Ein Cowboy in Thailand
Es würde mich wirklich interessieren, wieso es einen waschechten australischen Cowboy in das Heaven Resort nach Thailand verschlagen hat.
Von meinem Arbeitsplatz aus werfe ich Jayden unauffällig schmachtende Blicke zu. Ich habe einen Schreibtisch im großzügig gestalteten Eingangsbereich des Hotels und sitze quasi im Freien. Nur das tempelähnliche Dach der Lobby schützt mich vor Sonne und Regen, und jede Menge Ventilatoren sorgen dafür, dass sich die Hitze nicht staut.
Wenige Meter entfernt steht Jayden an eine Säule gelehnt und unterhält sich mit einem Urlauber, der einen Rundflug bei ihm buchen möchte. Mein heimlicher Schwarm trägt einen Strohhut, der wie ein Stetson aussieht, ein kurzärmliges Hemd, knielange braune Hosen und Flipflops. Die Hände hat er lässig in den Hosentaschen vergraben, und seine verspiegelte Sonnenbrille sowie der Bartschatten unterstreichen sein cooles Aussehen noch. Mit seiner gebräunten Haut, den hohen Wangenknochen, dem markanten Kinn und dem sinnlichen Mund ist er eine Mischung aus Indiana Jones und Hugh Jackman, als er den Drover im FilmAustralia gespielt hat.
Ob er zu mir herschaut? Ich habe oft das Gefühl, ein Prickeln auf meinem Gesicht oder anderen Körperteilen zu spüren, wenn Jayden in der Nähe ist, doch leider kann ich wegen der Brille seine Augen nicht sehen. Dabei hat er wirklich faszinierende Iriden. Sie besitzen die Farbe von Smaragden.
Nur mühsam kann ich den Blick von ihm abwenden und richte meine Aufmerksamkeit auf mein Clipboard mit der Namensliste. Gleich fährt der Bus nach Phang Nga ab, und ich muss noch die Gäste einsammeln, die sich für die Tempeltour angemeldet haben. Ich darf Jayden nicht zu offensichtlich anstarren; Chi, der nur einen Meter entfernt von mir an seinem Tisch sitzt, hat mich schon einmal gefragt, ob ich etwas mit ihm habe. Ich glaube, Chi wollte herausfinden, ob ich Single bin. Zu meinem Leidwesen verkehren Jayden und ich nur rein freundschaftlich miteinander und essen morgens oder während der Mittagspause zusammen, wenn er nicht gerade unterwegs ist. Ansonsten ist bisher nichts zwischen uns passiert.
Chi hingegen hat mich erst vorgestern gefragt, ob ich mit ihm für eine Nacht nach Phuket fahren will. Angeblich, um dort ein Musical anzusehen. Aber die Absicht dahinter war ziemlich offensichtlich. Chi ist ein junger Thailänder, mit seinen sechsundzwanzig Jahren genauso alt wie ich und hat ein paar Jahre in San Francisco gelebt, bevor er wieder zurück in seine Heimat gegangen ist. Er arbeitet hier ebenso wie ich als Reiseleiter, sieht gut aus, hat ein perfekt geschnittenes Gesicht, dichtes schwarzes Haar und eine ansprechende, schlanke Figur … Doch er reizt mich nicht. Ich finde ihn wirklich nett, aber auch unendlich langweilig. Er hat keine Ecken und Kanten.
Das klingt jetzt gemein, aber derart »glatte« Menschen haben mich noch nie interessi