Die Seele fastet und wandert mit
Moderne Sklaven werden längst nicht mehr mit Peitschen angetrieben. Sie treiben sich selbst mit Terminkalendern, erkannte bereits vor einem halben Jahrhundert derUS-Literatur-Nobelpreisträger John Steinbeck. Insofern sind viele moderne Menschen Sklaven ihrer eigenen Agenda. Ihre »modernen« Seelen leben obendrein meist in versklavten Körpern, die nicht mehr ihrem Ruhe- und Regenerationsbedürfnis gehorchen, sondern dem von außen einwirkenden Zeitdruck. Sowohl Fasten als auch Wandern bieten da, schon jedes für sich allein genommen, wundervolle Ausstiege, in ihrer Kombination aber einen Königsweg. Wie kaum ein anderer führt er aus dem modernen Alltagsstress heraus – und zur eigenen Seele, der er wieder Raum und Anerkennung schenkt.
Während wir äußerlich auf Wanderwegen voranschreiten, geht es auch innerlich, also seelisch voran. Aus dem Alltagswust sortieren sich schon nach ein, zwei Tagen die für die Seele wesentlichen Fragen heraus. Das gilt besonders, wenn es gelingt, den »normalen« Stress rituell, das heißt bewusst zu Hause zu lassen und ihm gleichsam wegzulaufen. Dann wird es möglich, dem Raum zu geben, was man früher Muße nannte und was heute im Zuge des sich immer weiter beschleunigenden Turbo-Kapitalismus weitgehend aus der Mode gekommen ist. Die Muße und die Musen, die unseren Vorgängern das Leben versüßten, wären auch für uns Menschen der Moderne ein wahrer Segen. Sie stehen tatsächlich noch immer bereit und warten nur darauf, von uns neuerlich ins Leben eingeladen zu werden. Fasten-Wandern kann helfen, ihnen ein Feld zu bereiten und sie hinter Begriffen wie Chilling, Resilienz und Natur-Event wieder und ganz neu zu erahnen.
Wie körperliche Bewegung allgemein das Lernen erleichtert, so fördert sie auch die Bewegung und den Fortschritt der Seele. Tatsächlich kann die Seele moderner Menschen oft nicht Schritt halten mit dem Entwicklungstempo der Kommunikationstechnik und überhaupt der technologischen Entwicklung. Auch wenn wir mit allen möglichen Kontakten über Social Media mit Millionen anderen Nutzern verbunden sind und im Netz Tausende »Freunde« haben, bleibt die Seele doch einsam, allein und hungrig, wenn der persönliche, sichtbare und greifbare Kontakt fehlt.
Beim Fasten-Wandern kann sie gleichsam wieder aufholen und nachkommen. Dazu braucht sie Muße, und dieser Begriff steht für mehr als nur Zeit. Das ist modernen Menschen nicht mehr leicht vermittelbar oder höchstens über Metaphern: Der alte Indianer-Medizinmann, der zu einem Kongress von einem gestressten Fahrer abgeholt wurde, verlangte nach einer Stunde Fahrt eine Pause. Er stieg aus und setzte sich auf den Boden. Der Fahrer, bestrebt, ihre Verspätung einzuholen, fragte nervös nach, was das angesichts ihrer Zeitnot solle. Der alte Medizinmann antwortete ganz ruhig, er müsse warten, bis seine Seele nachkomme. Offenbar hatte er noch das Gefühl, ohne Seele auf dem Kongress seinen ZuhörerInnen nichts bieten zu können.
Beim Fasten-Wandern können wir unsere Seele nachkommen lassen und sie mitnehmen, so dass wir wieder auf einer Höhe mit ihr sind. Es hilft obendrein sogar, sie in Zukunft leichter Schritt halten zu lassen. »Wenn du es eilig hast, geh langsam und mach einen Umweg«, rät eine östliche Weisheit in wohl ähnlicher Absicht. Unsere Seele ist letztlich ziemlich alt(modisch) im besten Sinne und braucht ihre Zeit. Beim Fasten-Wandern kann sie sich diese Zeit nehmen – besonders, wenn wir sie ihr bewusst einräumen durch Zeiten der Kontemplation und Meditation beim Gehen. Am besten wäre es, überhaupt kontemplativ und meditativ zu wandern. Beim schweigenden Gehen, wenn wir den Output bewusst und vorsätzlich zurücknehmen, schalten wir ganz automatisch um auf Input. Die uns umgebende Natur kann dann besser und leichter zu uns vordringen und unsere Seele berühren.
Als der Camino, der Jakobsweg, noch im Dornröschenschlaf schlummerte und die allermeisten Hospize geschlossen waren, erlebte ich ihn mit einem Wohnmobil. Wir hatten auch zwei Fahrräder dabei, und während immer einer das Auto fuhr, radelte der andere oder ging. Da konnten wir deutlich spüren, wie wenig das Fahren brachte, mit dem Auto noch weniger als mit dem Rad. Gehen war zwar mühsamer, aber ungleich wirksamer.
Das war lange bevor Shirley MacLaine, Paulo Coelho und Hape Kerkeling den Jakobsweg gingen und uns über ihre Bücher daran teilhaben ließen. Sie haben damit eine wundervolle uralte Tradition wiederbelebt, und dafür gebührt ihnen großer Dank. Aber auch wenn ich alle drei ebenso schätze wie ihre Bücher, kann man den Weg nicht lesen, man muss ihn gehen. Man muss zu Fuß und Schritt für Schritt wandern, damit die Seele wirklich mitkommt.
Schon nach kurzen Gehstrecken – besonders im Schweigen – können wir unseren Rhythmus find