: Christopher Oldstone-Moore
: Von Männern und Bärten Eine Geschichte der Gesichtsmode
: Eichborn AG
: 9783732540723
: 1
: CHF 12.60
:
: Gesellschaft
: German
: 496
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB

Geschichte geht nur selten glatt, da hilft auch keine Rasur. Das gegenwärtige Comeback des Barts führt ein jahrhundertealtes Muster fort: Gesichtsmoden verändern sich als Reaktion auf historische Umbrüche, widerborstige Massenbewegungen weichen immer wieder vom rasierten Standardmann ab. Es gab eben nicht nur bartlose Feldherren wie Alexander, den Großen oder Napoleon, sondern auch zauselige Visionäre wie Jesus Christus oder Abraham Lincoln. Kurzweilig und mit unterhaltsamen Anekdoten erzählt Christopher Oldstone-Moore die verschlungene Geschichte von Männern und Bärten.




Christopher Oldstone-Moore ließ sich als Studienanfänger zum ersten Mal einen Bart wachsen, um ein Renaissancemusik-Konzert zu geben. Die Aura von Bärten einst und heute hat ihn seit jeher fasziniert. Sein Forschungsgebiet ist moderne europäische Geschichte und Männlichkeit, und er lehrt an der Wright State University in Dayton, Ohio.

Einführung:
DIE GESCHICHTE HAT EINEN BART


Die heutige Welt hat einen stetig wachsenden Trend zu verzeichnen: Bärte. Der Konsumgüter-Riese Procter& Gamble berichtete 2014, dass eben jener Haarwuchs die Nachfrage nach Gillette-Rasierern und Rasierzubehör reduziert habe. Ein bei der ZeitschriftAtlantic mitwirkender Wissenschaftler erklärte das Jahr 2013 zum »Meilenstein für die Gesichtsbehaarung«1. Die bauernschlauen Langbärte der Reality-TV-SendungDuck Dynasty und die schnauzbärtigen Baseballspieler der Boston Red Sox machten ebenso Schlagzeilen wie der Bartklau in einer Amischen-Gemeinde in Ohio, der Wirbel um die Gesichtsfusseln eines BBC-Nachrichtensprechers, die Kampagne der Sikhs gegen das Bartverbot in der US Army sowie das Wiederaufkommen des Schnauzbarts in Frankreich bzw. der Türkei, ganz zu schweigen vom wachsenden öffentlichen Interesse am »Movember« (»Moustache November«), dem jährlichen Fundraising-Event in Australien, während dem sich die Männer demonstrativ einen Bart wachsen lassen.

Ist dies der Beginn einer neuen Ära oder nur eine kleine Unwucht in der Kulturgeschichte? Es bleibt abzuwarten. Eines aber ist sicher: Veränderungen bei der Gesichtsbehaarung sind niemals nur eine Frage der Mode. Bärte und Schnurrbärte besitzen eine solche Macht, dass sie selbst im Land der unbegrenzten Möglichkeiten der Kontrolle von Verwaltung und Unternehmen unterliegen. US-Bürger besitzen keinen Rechtsanspruch auf das Tragen eines Barts oder Schnurrbarts, dies bestätigte eine Entscheidung des Obersten Gerichtshof im Fall Kelley gegen Johnson im Jahr 1976, welches die Befugnis des Arbeitgebers bekräftigte, über das äußere Erscheinungsbild seiner Angestellten zu bestimmen. Solcherlei Freiheitsbeschränkungen deuten stark darauf hin, dass es hier um mehr als einen modischen Stil geht. Tatsächlich weist die Geschichte des Barts keinerlei Modezyklen auf, sondern langsamere richtungsweisende Veränderungen, bedingt durch tiefer liegende gesellschaftliche Kräfte, welche unsere Vorstellung von Männlichkeit formen und wieder umformen. Bei jeder Neudefinition von Männlichkeit verändert sich der Stil der Gesichtsbehaarung entsprechend.

Judith Butler, die Koryphäe der Gender Studies, behauptet, dass unsere Worte, Handlungen und Körper nicht einfach Ausdruck unserer Persönlichkeit sind; mit ihnen setzten wir unser männliches oder weibliches Ich zusammen. Oder anders gesagt: Unsere Identität formt sich ständig neu anhand dessen, was wir tun und sagen.2 So gesehen ist das Rasieren oder Modellieren unserer Gesichtsbehaarung seit jeher nicht nur wichtig gewesen, um Männlichkeit auszudrücken, sondern um Mannsein zu können. Die Gesellschaft wiederum setzt akzeptierte Männlichkeitstypen durch, indem sie die Gesichtsbehaarung reguliert. Womit wir beim ersten Grundsatz der Bartgeschichte angekommen wären:Am Gesicht lassen sich die Spielarten dessen, was männlich ist, ablesen. Religionen, Nationen und politische Bewegungen stellen eigene Normen und Werte auf und setzen die menschliche Haartracht und andere Symbole ein, um diese Wertvorstellungen in der Welt zu propagieren. Sollte es Streitigkeiten wegen gegensätzlicher Leitbilder von Männlichkeit geben, kann der unterschiedliche Umgang mit Gesichtsbehaarung auf den eigenen Standpunkt hindeuten.

Die Vorstellung, unsere Gesichtsbehaarung sei