: Kim Stanley Robinson
: Das wilde Ufer Die Kalifornien-Trilogie, Band 1 - Roman
: Heyne
: 9783641208707
: Die Kalifornien-Trilogie
: 1
: CHF 7.10
:
: Science Fiction
: German
Das große Abenteuer von der Wiederentdeckung Amerikas
Es gab einmal eine Zeit, da war Amerika die mächtigste Nation der Erde. Doch nach einem nuklearen Krieg ist das Land verwüstet, die großen Städte sind zerstört, die Bevölkerung ist nahezu ausgerottet. Die Völker der Vereinten Nationen wachen mit aller Strenge darüber, dass die wenigen, in kleinen Siedlungen verstreut lebenden Nachkommen der Kriegsgeneration nie mehr eine Chance bekommen, das Land wieder aufzubauen. Bis eines Tages in einem kleinen Fischerdorf an der kalifornischen Küste zwei Fremde auftauchen und in dem siebzehnjährigen Henry der Traum von einem wiedervereinten Amerika erwacht ...

Kim Stanley Robinson wurde 1952 in Illinois geboren, studierte Literatur an der University of California in San Diego und promovierte über die Romane von Philip K. Dick. Mitte der Siebzigerjahre veröffentlichte er seine ersten Science-Fiction-Kurzgeschicht n, 1984 seinen ersten Roman. 1992 erschien mit 'Roter Mars' der Auftakt der Mars-Trilogie, die ihn weltberühmt machte und für die er mit dem Hugo, dem Nebula und dem Locus Award ausgezeichnet wurde. In seinem Roman '2312' erkundet er die verschiedenen Gesellschaftsformen, die die Menschheit nach ihrem Aufbruch ins Sonnensystem erschafft. Zuletzt sind bei Heyne seine Romane 'New York 2140', der in einem vom Klimawandel gezeichneten New York der nahen Zukunft spielt, und sein Bestseller 'Das Ministerium für die Zukunft' erschienen. Kim Stanley Robinson lebt mit seiner Familie in Davis, Kalifornien.

II


 

Im Traum erlebte ich wieder den Moment, als wir damit begannen, das offene Grab zuzuschaufeln. Erdklumpen kullerten auf den Sarg und erzeugten ein gespenstisches hohles Dröhnen; doch in meinem Traum war dieses Geräusch ein Klopfen aus dem Sarg, das lauter und verzweifelter wurde, je schneller sich die Grube wieder mit Erde füllte.

Pa weckte mich mitten aus diesem Albtraum: »Heute Morgen haben sie am Strand eine angespülte Leiche gefunden.«

»Häh?«, rief ich und sprang verwirrt aus dem Bett. Erschrocken wich Pa zurück. Ich beugte mich über den Wascheimer und spritzte mir kaltes Wasser ins Gesicht. »Was erzählst du da?«

»Ich habe gehört, dass man einen von diesen Chinesen gefunden hat. Du bist ja völlig verdreckt. Was ist mit dir los? Warst du heute Nacht schon wieder draußen?«

Ich nickte. »Wir bauen uns ein Versteck.«

Verwirrt und missbilligend schüttelte Pa den Kopf.

»Ich habe Hunger«, fügte ich hinzu und griff nach dem Brot. Dann nahm ich einen Becher vom Wandregal und tauchte ihn in den Trinkwassereimer.

»Wir haben nichts mehr außer Brot.«

»Ich weiß.« Ich brach einige Brocken von dem Laib ab. Kathryns Brot war gut, auch wenn es schon ein bisschen alt war. Ich ging zur Tür und öffnete sie, und das Dunkel unserer fensterlosen Hütte wurde von einem Keil gedämpften Sonnenlichts zerschnitten. Ich streckte meinen Kopf hinaus in die Luft; fahler Sonnenschein, die Bäume entlang des Flusses triefend nass. Im Innern der Hütte fiel das Licht auf Pas Nähtisch. Die alte Maschine glänzte von den langen Jahren ständigen Gebrauchs. Daneben stand der Herd, und darüber, gleich neben dem Ofenrohr, welches das Dach durchstieß, befand sich das Regal mit den Küchengeräten. Das und der Tisch, die Stühle, Kleiderschränke und Betten stellten unseren gesamten Besitz dar – die bescheidene Habe eines einfachen Mannes in einem einfachen Gewerbe. Nun, die Leute hatten es eigentlich gar nicht nötig, sich ihre Kleidung von Pa nähen zu lassen …

»Du läufst jetzt besser zu den Booten hinunter«, sagte Pa ernst. »Es ist schon spät, sicher sind sie schon dabei, abzulegen.«

»Hhmmph.« Pa hatte recht; ich war wirklich spät dran. Immer noch auf meinem Stück Brot kauend, zog ich Hemd und Schuhe an. »Viel Glück!«, rief Pa mir nach, als ich durch die Tür hinausstürmte.

Als ich den Freeway überqueren wollte, wurde ich von Mando, der aus der anderen Richtung kam, angehalten. »Hast du schon von dem Chinesen gehört, der an den Strand gespült wurde?«, wollte er wissen.

»Yeah! Hast du ihn gesehen?«

»Ja! Pa ging runter, um ihn sich anzusehen, und ich bin einfach mitgegangen.«

»Ist er erschossen worden?«

»Na klar. Vier Einschusslöcher, mitten in der Brust.«

»Mann!« Sehr viele wurden bei uns angetrieben. »Ich möchte nur gerne wissen, um was die da draußen so fanatisch kämpfen.«

Mando zuckte mit den Schultern. In dem Kartoffelfeld auf der anderen Straßenseite rannte Rebel Simpson hinter einem Hund her, der eine Kartoffel ausgegraben hatte. Dabei stieß sie wütende Beschimpfungen aus. »Pa ließ einmal verlauten, dass dort draußen eine Art Küstenwache die Leute von hier fernhält.«

»Ich weiß«, sagte ich. »Ich frag mich nur, ob das wirklich der Grund ist.« Große Schiffe tauchten ab und zu vor der langen Küste auf, gewöhnlich weit draußen am Horizont, manchmal auch etwas näher, und von Zeit zu Zeit wurden Leichen angetrieben, die von Kugeln durchlöchert waren. Doch was mich betraf, so war das alles, was wir über die Welt außerhalb unserer Grenzen sagen konnten. Wenn ich voller Neugier und Wissensdurst darüber nachdachte, wurden meine Neugier und mein Wissensdurst manchmal so übermächtig, dass ich fast in Wut geriet. Andererseits war Mando sicher, dass sein Vater (der nur nachplapperte, was der alte Mann von sich gab) wusste, was das alles zu bedeuten hatte. Er begleitete mich hi