Kapitel eins
SPHÄRENMUSIK
Exemplarische Kontemplation
Lieber Leser, zwei Weißsonnen umkreisen den Planeten Uranus: eine heißt Puck, die andere Bottom. Sie glühen dicht über der wirbelnden Wolkendecke dieses riesigen Planeten, und mit der Hilfe des sanften grünen Planetenlichts erhellen sie diesen finsteren Winkel des Sonnensystems. An der grünlichen Glut des Trios wärmt sich ein Heer von Welten – kleiner Welten natürlich, Welten, die nicht größer sind als der Asteroid Vesta (viele davon eher noch kleiner) –, aber immerhin Welten, jede umgeben von einer durchsichtigen Lufthülle wie Miniaturmodelle in gläsernen Briefbeschwerern, und jede eine in sich geschlossene Zivilisation und Gesellschaft. Diese Welten kreisen in elliptischen Bahnen jenseits der schmalen weißen Bänder der Uranusringe; man könnte sagen, diese Kette von Welten bildet einen neuen Ring im alten Gürtel des Planeten: Das erste Dutzend wurde aus geglätteten Eisklumpen geformt, die neueren aus unregelmäßig aneinandergereihten Seifenblasen zusammengesetzt, von Leben erfüllt. Und was verbindet all diese verschiedenen Welten, was ist ihrelingua franca? Musik.
Unsere Geschichte nimmt also ihren Anfang – einen ihrer Anfänge – auf einer dieser Welten, auf der mit Namen Holland. Holland ist ein zerklüfteter Kleinmond, sattes Grün im Tiefland, kahl und moorig auf den Hügeln, die von den Bewohnern Tòrr genannt werden. Und in einem der mit Heidekraut bewachsenen Hochtäler, an einem Bach im Kieselbett, unter einem der höchsten Tòrrs, steht im Schatten einer einzelnen Eibe eine einsame Kate. Über dieser Kate pulsierte im Frühling des Jahres 3229 die reine Luft einer klaren Morgendämmerung; ein Strahl dieses Morgenlichts, Pucks vorwitziger Schein, lugte durchs Katenfenster, und drinnen erwachte Dent Ios.
Dent kam zu sich, noch in einem Traum gefangen, und richtete sich benommen und furchtsam auf. Er hatte geträumt, Holland habe Feuer gefangen, und seine Aufgabe sei, die Nachbarn zu warnen. Er war mit einer schweren Keule in der Hand den Pfad hinuntergelaufen, brüllend wie Paul Revere auf seinem wilden Ritt, und war über jeden Stein und jede Wurzel gestolpert; hatte ungestüm an die Türen gehämmert, bis sie geöffnet wurden und seine letzten Faustschläge die Bewohner trafen; war vor den wütenden Opfern davongelaufen und hatte, wenn sie an Häusern vorbeikamen, weiter seine Warnrufe ausgestoßen; hatte zu Kanistern gegriffen, um kleine Brandherde zu löschen, nur um festzustellen, dass es sich um Benzinkanister handelte; bis er am Ende von einem heimtückischen Schlag seiner eigenen Keule gefällt keuchend im Staub lag, von Flammen umgeben.
Dent fluchte auf die zufallsbedingten Synapsensprünge, die derartige Visionen hervorriefen, kletterte aus dem Bett und hielt seinen Kopf unter den Wasserhahn in der Küche. Auf dem Herd stand noch eine große schwarze Pfanne, verkrustet mit einer dicken Schicht Speckfett. Dent rümpfte die Nase. Es war kühl; er schlüpfte in seine Hosen und zog sich ein warmes Hemd über den Kopf. Vom Außenabort kommend hörte er auf dem talaufwärts zu seinem Haus führenden Pfad Musik. Da kam jemand. Er eilte nach drinnen, um etwas Ordnung zu schaffen.
In seiner Kate herrschte Unordnung. Auf sämtlichen Flächen der Kochnische stapelte sich schmutziges Geschirr, der Boden war mit Kleidungsstücken übersät, und überall lagen Bücher und Holo-Würfel herum. Dent war einer jener Bewohner Hollands, die den hier sehr beliebten ländlichen Lebensstil pflegten, auch wenn sein Heim, vollgestopft mit Büchern, Musikinstrumenten, Notenblättern, Stichen,