: Kim Stanley Robinson
: Die eisigen Säulen des Pluto Roman
: Heyne Verlag
: 9783641208714
: 1
: CHF 2.70
:
: Science Fiction
: German
Ein Stonehenge aus Eis

Fünfhundert Jahre in der Zukunft sind die inneren Planeten unseres Sonnensystems besiedelt. Männer und Frauen leben Jahrhunderte lang, können sich aber nur an die jüngste Vergangenheit erinnern. Die äußeren Planeten und ihre Monde werden erforscht, und so dringt die erste Expedition bis zum fernen Pluto vor. Am Pol des kleinen Planeten erwartet sie ein gigantisches Monument: ein Ring monolithischer Eisblöcke, die im Licht der fernen Sonne funkeln. Dieses „Icehenge“ stellt die gesamte Menschheitsgeschichte infrage, denn schnell steht zweifelsfrei fest, dass es einst von Menschenhand errichtet worden ist …

Kim Stanley Robinson wurde 1952 in Illinois geboren, studierte Literatur an der University of California in San Diego und promovierte über die Romane von Philip K. Dick. Mitte der Siebzigerjahre veröffentlichte er seine ersten Science-Fiction-Kurzgeschicht n, 1984 seinen ersten Roman. 1992 erschien mit »Roter Mars« der Auftakt der Mars-Trilogie, die ihn weltberühmt machte und für die er mit dem Hugo, dem Nebula und dem Locus Award ausgezeichnet wurde. In seinem Roman »2312« erkundet er die verschiedenen Gesellschaftsformen, die die Menschheit nach ihrem Aufbruch ins Sonnensystem erschafft. Zuletzt sind bei Heyne seine Romane »New York 2140«, der in einem vom Klimawandel gezeichneten New York der nahen Zukunft spielt, und sein Bestseller »Das Ministerium für die Zukunft« erschienen. Kim Stanley Robinson lebt mit seiner Familie in Davis, Kalifornien.

Teil eins

 

Emma Weil 2248 n. Chr.

 

Den ersten Hinweis auf die Meuterei bekam ich, als wir uns der inneren Grenze des ersten Asteroidengürtels näherten. Natürlich wusste ich damals noch nicht, was es zu bedeuten hatte; es war lediglich eine verriegelte Tür.

Den ersten Gürtel nennen wir den tauben Gürtel, denn seine Asteroiden bestehen aus Basalt, für den Bergbau praktisch wertlos. Doch schon bald würden wir inmitten der kohlehaltigen Gesteinsbrocken sein. Eines Tages ging ich hinunter zur Farm, um mich darauf vorzubereiten. Ich gab den Algen etwas mehr Licht, denn in den nächsten Wochen, wenn die Boote hinauseilten, um das Gestein aufzubrechen und abzubauen, würde es zu einem deutlich höheren Verbrauch an Sauerstoff kommen, und wir würden mehrChlorella benötigen, um den Gasaustausch im Gleichgewicht zu halten. Ich knipste ein paar weitere Lampen an und begann, mit dem Lösungsmittel herumzuspielen. Biologische Lebenserhaltungssysteme sind nicht nur meine Arbeit, sondern auch mein Hobby (darin bin ich eine der Besten); weil ich Platz für mehrChlorella schuf, weckte erneut das Problem der überschüssigen Biomasse mein Interesse. Ich wollte die Überproduktion der Algen drosseln, indem ich sie weniger dicht verteilte; also schlenderte ich zwischen langen Reihen Spinat und Kohlköpfen zur Tür eines der Lagerräume im hinteren Teil der Farm, um weitere Tanks zu holen. Ich drehte den Griff der Tür. Sie war verschlossen.

»Emma!«, rief eine Stimme. Ich blickte auf. Es war Al Nordhoff, einer meiner Assistenten.

»Hast du eine Ahnung, warum die Tür abgeschlossen ist?«, fragte ich.

Er schüttelte den Kopf. »Ich habe mich gestern schon darüber gewundert. Ich glaube, da drin steht irgendwelche geheime Fracht. Man sagte mir, ich soll dort wegbleiben.«

»Das ist unser Lagerraum«, sagte ich irritiert.

Al hob die Schultern. »Frag Captain Swann.«

»Das werde ich auch.«

Eric Swann und ich waren alte Freunde, und es ärgerte mich, dass in meinem Bereich etwas vor sich ging, wovon er mir nichts erzählt hatte. Als ich auf der Brücke eintraf, kam ich daher sofort zur Sache.

»Eric, wie kommt es, dass ich aus einem meiner eigenen Lagerräume ausgesperrt werde? Was ist da drin?«

Sein Gesicht wurde augenblicklich rot, fast wie sein Haar, und er senkte den Kopf. Der Navigator und der Bordingenieur, die sich ebenfalls auf der Brücke aufhielten, starrten auf ihre Bedienungspulte.

»Ich darf nicht sagen, was sich dort drin befindet, Emma. Es ist geheim. Ich darf vorerst überhaupt nicht darüber sprechen.«

Ich starrte ihn an. Ich weiß, ich kann Leute einschüchtern, wenn ich sie nur intensiv genug anfunkle. Sein Gesicht wurde noch einen Ton dunkler, seine Sommersprossen verschwanden in dem roten Glühen, und seine blauen Augen starrten mich wässrig an. Aber er wollte nicht mit der Sprache heraus. Ich schürzte die Lippen und verließ die Brücke.

Das war das erste Anzeichen: eine verriegelte Tür, ein Geheimnis dahinter. Ich sagte mir, dass wir wahrscheinlich für das Komitee irgendetwas nach Ceres brachten. Zweifellos Waffen. Diese Art von Geheimniskrämerei war typisch für das Mars-Erschließungs-Komitee. Aber ich ließ mich nicht zu voreiligen Schlüssen hinreißen, sondern hielt wachsam die Augen auf.

Das zweite Anzeichen hätte ich wahrscheinlich niemals bemerkt, wenn mich das erste nicht aufmerksam gemacht hätte. Ich ging durch den Korridor zu den Speisesälen, vorbei an den Aufenthaltsräumen, als ich Stimmen hinter einer der Türen hörte und stehen blieb. Schon die Stimmen klangen seltsam: leise und hektisch. Ich erkannte John Dancers Organ:

»So etwas können wir vor dem Rendezvous nicht tun, das weißt du genau.«

»Niemand wird etwas bemerken«, erwiderte eine Frau, möglicherweise Il