: Kim Stanley Robinson
: Goldküste Die Kalifornien-Trilogie, Band 2 - Roman
: Heyne
: 9783641208721
: Die Kalifornien-Trilogie
: 1
: CHF 8.00
:
: Science Fiction
: German
Glücksritter und Revoluzzer
Orange County, Kalifornien, 2067: eine Metropolis der flüchtigen Begegnungen und schneller Geschäfte, der harten Drogen und falschen Träume. Wie ein verirrter Nachtfalter schwirrt Jim McPherson durch diese bunte Neonwelt, von einer Party zur nächsten. Der Möchtegern-Dichter schlägt sich als Aushilfslehrer durch. Das laute, hektische Treiben an der Goldküste scheint ihm ohne Sinn, ohne Aussicht auf Glück. Dann lernt er Arthur kennen. Dieser gehört einer revolutionären Gruppe an, die durch Sabotage die Rüstungsindustrie Amerikas zerstören will. Begeistert macht Jim bei den Aktionen mit, obwohl - oder gerade weil - sein Vater Ingenieur in dem größten Rüstungskonzern von Orange County ist ...

Kim Stanley Robinson wurde 1952 in Illinois geboren, studierte Literatur an der University of California in San Diego und promovierte über die Romane von Philip K. Dick. Mitte der Siebzigerjahre veröffentlichte er seine ersten Science-Fiction-Kurzgeschicht n, 1984 seinen ersten Roman. 1992 erschien mit 'Roter Mars' der Auftakt der Mars-Trilogie, die ihn weltberühmt machte und für die er mit dem Hugo, dem Nebula und dem Locus Award ausgezeichnet wurde. In seinem Roman '2312' erkundet er die verschiedenen Gesellschaftsformen, die die Menschheit nach ihrem Aufbruch ins Sonnensystem erschafft. Zuletzt sind bei Heyne seine Romane 'New York 2140', der in einem vom Klimawandel gezeichneten New York der nahen Zukunft spielt, und sein Bestseller 'Das Ministerium für die Zukunft' erschienen. Kim Stanley Robinson lebt mit seiner Familie in Davis, Kalifornien.

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BEEP BEEP!

Honk honk.

Jim McPherson schiebt seinen Kopf aus dem Fenster seines Wagens und schreit hinter einem Minihonda her, dessen Programm ihn soeben automatisch in die Auffahrt vor ihm eingefädelt hat. »Du hast mich geschnitten!« Der Mann im Minihonda blickt zu ihm zurück und ist verwirrt. Jims alter Volvo zieht schnell die geschwungene Fahrspur hinauf, und plötzlich hängt Jim halb aus dem Fenster und schwankt, das Gesicht nur wenige Zentimeter vom Beton des Freeway entfernt. Abe Bernard packt seinen Gürtel und zieht ihn im letzten Moment zurück. Huh – das war knapp.

Nacht in Orange County, und die vier Freunde fahren in Autopia spazieren. Allesamt Stars des Meisterschafts-Catcher-Teams ihrer Highschool, dessen beste Zeiten schon zehn Jahre zurückliegen, wälzen sie sich auf den Sitzen des Volvo herum und versuchen, Tashi Nakamura von dem Augentropfer mit Sandy Charmans jüngster Mixtur fernzuhalten. Tash war ihr Schwergewichtler und der Einzige, der noch halbwegs gut in Form ist, und sie schaffen es nicht; Tash taucht zwischen ihren Armen hoch und schnappt sich den Augentropfer, wobei er die ganze Zeit mit einer von Jims alten CDs mitsingt: »Somebody give me acheeseburger!« Die Auffahrt windet sich hoch, die Krümmung wird stärker, die Kontakte gleiten quietschend über die Energie- und Führungsspur in der Fahrspurmitte, und sie werden alle nach hinten auf den Rücksitz geworfen. »Oh-oh, ich glaub, ich hab den Tropfer fallen lassen.«

»Sagt mal, wir sind doch jetzt auf dem Freeway, oder? Sollte nicht wenigstens einer von uns aufpassen?«

Sofort windet Abe sich in den Fahrersitz. Er schaut in die Runde. Alles läuft auf seiner Spur. Automobile, die ihren Programmen nach Norden folgen, sausen über die acht messingglänzenden Bänder, welche die Mitte jeder Fahrspur markieren. Ein Strom von roten Rücklichtern vor ihnen, weiße Scheinwerfer hinter ihnen, einige Wagen rollen über die S-förmigen Fahrspurwechsel-Schienen, von links nach rechts, wobei ihre gelben Richtungsanzeiger rhythmisch blinken, klick klick klick, klick klick klick. Auf dem Newport Freeway ist heute Abend alles in bester Ordnung. »Habt ihr den Augentropfer gefunden?«, fragt Abe mit einem Anflug von Schärfe in der Stimme.

»Ja, hier.«

Die nach Norden führenden Fahrspuren schwingen sich hoch, als sie das große Areal der Kreuzung mit den San Diego, Del Mar, Costa Mesa und San Joaquin Freeways überspannen. Vierundzwanzig monsterhafte Betonbänder verschlingen sich in einem Gordischen Knoten, hundert Meter hoch und eine Meile im Durchmesser – ein Sinnbild Autopias –, und sie jagen mitten hindurch wie kleine Käfer durch das Herz eines Riesen. Dann summt Jims alte Kiste einen ganzen Ton höher, und plötzlich ist es fast so, als wären sie im Landeanflug auf den John Wayne International Airport drüben zu ihrer Rechten, denn der nach Norden führende Newport Freeway ist der oberste der übereinanderliegenden Freeways, und sie befinden sich vierzig Meter über Mutter Erde. Das natürliche OC erstreckt sich meilenweit in jeder Richtung. Was für ein Anblick.

 

Das riesige Gitterwerk aus Licht.

Tungsten, Neon, Natrium, Quecksilber, Halogen, Xenon.

Zu ebener Erde quadratische Gitter

aus orangefarbenen Natriumstraßenlampen.

Alle möglichen Dinge brennen.

Quecksilberdampflampen:

blaue Kristalle über den Freeways,

den Eigentumswohnungen, den Parkplätzen.

Das die Augen verblitzende Xenon,

grell in den Einkaufszentren,

dem Stadion, Disneyland.

Große Halogen-Leuchtturmstrahlen vom Flughafen,

die über den Nachthimmel zucken.

Ein Krankenwagenwarnlicht, das unten rot blinkt.

Ständige Folge, rotgrüngelb, rotgrüngelb.