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Mexiko, Chihuahua,
Anfang September
Egal wie oft Alik Zakayev sie an seiner Jeans abwischte, seine Hände wollten einfach nicht aufhören zu schwitzen. Wieder unter der Erde zu sein machte ihm schwer zu schaffen. Es brachte ihm die Erinnerung an die Taldinsky-Kohlemine in Sibirien zurück, wo er vor zehn Jahren nur knapp den Einsturz eines Schachtes überlebt hatte. Vier Tage lang waren er und sechs andere Kumpel lebendig begraben, bevor der Rettungstrupp sie – benommen und vor Erschöpfung und Durst halb wahnsinnig – schließlich fand und ausgrub. Bis heute verfolgten ihn Albträume davon.
Der Schmugglertunnel, in dem er sich nun befand, lag 30 Meter unter der mexikanischen Grenze zu den USA, zwischen New Mexico und dem mexikanischen Bundesstaat Chihuahua. Er war fast einen Kilometer lang, kaum zwei Meter hoch und maß gerade mal anderthalb Meter in der Breite – voll ausgestattet mit solidem Zementboden, elektrischer Beleuchtung, Lüftungskanälen und einem Entwässerungssystem für sich ansammelndes Grundwasser. Von den 55 Wanderarbeitern, die das todbringende Castañeda-Kartell zu wochenlanger Arbeit unter Tage gezwungen hatte, waren elf während der fünfmonatigen Bauzeit ums Leben gekommen. Die Übrigen hatte man nach der Fertigstellung umgebracht, um eine vollkommene Geheimhaltung sicherzustellen. Der Tunnel war nun seit knapp 15 Monaten in Gebrauch, und seitdem waren durch ihn fast 500 Tonnen Marihuana in die Vereinigten Staaten geschmuggelt worden.
Sein Eingang lag im Inneren einer mexikanischen Lagerhalle, aber das wirklich Geniale an ihm war sein Ausgang auf der amerikanischen Seite: Er befand sich in einem offenen Viehpferch, wo regelmäßig Rinder auf Sattelschlepper geladen wurden, um sie zu einem Schlachtereibetrieb 60 Meilen weiter nördlich zu schaffen. An Verladetagen parkten spezielle Laster mit einer Falltür im Boden genau über der Tunnelöffnung. Während man von hinten die Rinder hineintrieb, konnten von unten eigens angefertigte Hohlräume im vorderen Teil des Lasters mit 25-Kilo-Ballen Marihuana befüllt werden. Etwa 90 Minuten später, wenn die Tiere bei der Anlage abgeladen waren, wurde das Marihuana auf die wartenden Wagen der Schlachterei-Angestellten verteilt.
Mit seiner Vermutung, dass er in seiner Heimat auf der Abschussliste stand, hatte Zakayev absolut richtiggelegen. Nach seiner Entlassung aus Guantanamo Bay war er auf direktem Weg in die tschetschenische Hauptstadt Grosny geflogen, wo er, kaum dass er gelandet war, von den tschetschenischen Behörden in Gewahrsam genommen wurde – für eine kurze, routinemäßige Befragung. Wieder auf freiem Fuß, begab er sich zum Haus seines Bruders, wo er erfuhr, dass ein schwarzer Van die ganze Nacht lang mit laufendem Motor auf der gegenüberliegenden Straßenseite gestanden hatte. Das bestätigte seine schlimmsten Befürchtungen. Er kontaktierte sofort die Rijadus-Salichin, die ihn noch am gleichen Abend unter ihren Schutz stellten. Innerhalb einer Woche war er aus Tschetschenien nach Deutschland geschleust worden, wo er einen waghalsigen Auftrag annahm. Und drei Wochen später kam er in Mexiko an, als Tourist mit deutschem Pass, den er in Bad Tölz von einem Meisterfälscher bekommen hatte, der in Bayern in einer Druckerei arbeitete.
Sein amerikanischer Anwalt hatte völlig zu Recht behauptet, dass Zakayev nichts mit den Bomben i