: Heinz Reif
: Adel, Aristokratie, Elite Sozialgeschichte von Oben
: De Gruyter Oldenbourg
: 9783110486865
: Elitenwandel in der Moderne / Elites and Modernity
: 1
: CHF 101.80
:
: Neuzeit bis 1918
: German
: 350
: Wasserzeichen/DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB/PDF

Only quite recently has the nobility become a focus of social history. Heinz Reif, the pioneer and dean of German nobility research, analyzes the functions of the nobility in terms of rule, property, self-presentation, political power, and adaptability. In addition, the essays collected in this volume discuss broader questions in modern research on elites.



Heinz Reif, Center for Metropolitan Studies, Technische Universität Berlin.

Einleitung


Die in diesem Band vereinigten Aufsätze sind ein Querschnitt aus meiner fast vierzigjährigen Beschäftigung mit der Geschichte des Adels und der Elitenbildung in Deutschland. Die für diesen Band ausgewählten Aufsätze und Vorträge übergreifen mehr als zwei Jahrhunderte dieser Geschichte. Sie erheben – eigentlich unnötig, dies zu sagen – nicht den Anspruch, dieses inzwischen so vielfältig und produktiv gewordene Forschungsfeld in seiner Entwicklung und Gänze mit quasi-exemplarischen Texten zu repräsentieren. Mit dieser Auswahl sollen zum einen die Anfänge der modernen deutschen Adelsforschung in den 1980er und 1990er Jahren akzentuiert werden. Zum anderen stehen die Aufsätze für die schnell fortschreitende Dynamisierung und Ausdifferenzierung dieses Forschungsfeldes, zu dem die von mir herausgegebene Reihe „Elitenwandel in der Moderne“ und der Kreis von Historikern, die diese Reihe bis heute und fernerhin tragen, mit ihren wissenschaftlichen Arbeiten kontinuierlich und nachhaltig beigetragen haben. Da das Profil des Berliner und Hallenser Beitrags zur modernen Adelsforschung in starkem Maße von meiner Arbeit als Hochschullehrer, Organisator, Teammitglied und Kollege mitgeprägt worden ist, sei hier ein kurzer Rückblick auf die nachhaltig prägenden Kontexte dieser Arbeit erlaubt.

Anfänge und Entwicklung der modernen deutschen Adelsforschung


Unter den Stationen (Bochum, Münster, Bielefeld, Essen, Berlin) meiner mehr als vier Jahrzehnte währenden Hochschullaufbahn waren ohne Zweifel Bielefeld und Berlin die prägendsten und wissenschaftlich ergiebigsten. Ohne die Bielefelder Jahre wäre ich weder zum Adel als Gegenstand sozial- und kulturgeschichtlicher Forschung gekommen noch zu der Art und Weise, wie ich seitdem Adelsforschung betrieben und dieses Forschungsfeld thematisch wie methodisch mit anderen fortentwickelt habe. Berlin verdanke ich insbesondere die Einsicht in das hohe, kreative Potenzial Generationen übergreifender intensiver Zusammenarbeit in Forscherteams, in den DFG-Projekten „Elitenwandel in der Moderne“ und „Adels-Autobiographien“ einerseits, dem Graduiertenkolleg Berlin-New York zur „Geschichte und Kultur der Metropolen“ andererseits.

Der „Bielefelder Schule“ ist in den vergangenen Jahren viel zugeschrieben und vorgeworfen worden. Für meine wissenschaftliche Arbeit waren zwei Bielefelder Erfahrungen von nachhaltiger Bedeutung: Einerseits die starke Faszination, die von den auf 1933 und seine Folgen ausgerichteten Thesen und Erklärungsansätzen des amerikanischen, in Berkeley lehrenden Emigranten Hans Rosenberg ausging, zumal diese von Hans Ulrich Wehler gegen die damaligen Traditionalisten des Faches, aber auch in der medialen Öffentlichkeit, sprachgewaltig in Stellung gebracht wurden. Ein Kernelement dieses liberal-sozialdemokratischen Struktur- und Prozesskonstrukts vom Deutschen Sonderweg war der „ostelbische Junker“, einer der Hauptakteure des Wegs in die deutsche Katastrophe, eine zwischen Imagination, Stereotypisierung und wissenschaftlich greifbarer Realität schwankende „Figur“ der deutschen Geschichte, die mich bis heute beschäftigt. Andererseits gab es in Bielefeld ein starkes Antidot gegen jede dogmatische Fixierung auf die hier präferierten analytischen Konzepte und Begriffe: das in den so genannten Freitagskolloquien praktizierte Verfahren einer konsequent agonalen internen Kritik, das nicht zuletzt zu einem Wettbewerb1 im Auffinden, Ausdiskutieren und Erproben stets neuer, wissenschaftlich ergiebiger Methoden, Theorien mittlerer Reichweite und gesamtgesellschaftlicher Erklärungsansätze führte, nicht nur von Marx bis Weber, sondern, für meine Studie zum katholischen Adel Westfalens wichtiger, von Schumpeter und Halbwachs bis zu Simmel.

Ebenso anregend wie nachhaltig wirksam war das großzügig budgetierte Bielefelder Programm an Gastvorträgen, zu denen gerade auch solche junge Historiker und Historikerinnen eingeladen wurden, die – wie zum Beispiel David Blackbourn und Geoff Eley – die zentralen Aussagen der „Bielefelder Schule“ besonders scharf kritisierten oder gar ablehnten. Für mich wurde so die Zusammenarbeit mit den in Bielefeld auftretenden Historikern des Max-Planck-Instituts für Geschichte in Göttingen, mit Hans Medick, Jürgen Schlumbohm, Peter Kriedte, David Sabean, Robert Berdahl und Heidi Rosenbaum, und – vermittelt über Göttingen – mit den Berlinerinnen Karin Hausen, Barbara Duden und Regina Schulte einerseits, den Wienern Michael Mitterauer, Reinhard Sieder, Josef Ehmer und Hannes Stekl andererseits von besonderer Bedeutung, weil durch sie schon früh familiensoziologische, historischanthropologische und mikrohistorische Perspektiven in meine Adelsstudien Eingang gefunden haben. Das führte im Grunde schon Ende der siebziger Jahre zu einer Sozialgeschichte des Adels in kulturgeschichtlicher Erweiterung sowie zur schrittweisen Abkehr von jeglichen strikt dualistischen Analysekonzepten und der Vorstellung eines eindeutig strukturierten, Jahrhunderte übergreifenden, linear-zielgerichtet auf Demokratisierung zuschreitenden Geschichtsprozesses, der jedoch in Deutschland angeblich durch schwerwiegende ständische Verwerfungen und Abweichungen vom „westlichen“ Normalweg gravierend gestört worden war. Das befreite vom Druck zu abstrakter Begriffssysteme und schützte vor einem Analysieren wie Erklären, das, von komplexen Theorievorgaben vorbestimmt, nicht selten auch simplifiziert wurde und allzu oft den zwischen Strukturen und Prozessen vermittelnden historischen Akteuren, ihren handlungsleitenden Werten, Deutungsmustern und gesellschaftlichen Ordnungsvorstellungen zu wenig Aufmerksamkeit einräumte. Das Gespür für individuelle Sinnhorizonte und Motive, insbesondere für abweichendes und a

Inhalt??????????????????????????7
Einleitung??????????????????????????????????9
I Auf der Suche nach der composite elite??????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????21
Väterliche Gewalt und „kindliche Narretei“. Familienkonflikte im katholischen Adel Westfalens vor der Französischen Revolution??????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????23
Achim von Arnim auf Wiepersdorf: Gutsherr, Ökonom, Poet????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????51
Der katholische Adel Westfalens und die Spaltung des Adelskonservatismus in Preußen während des 19. Jahrhunderts??????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????65
Adelspolitik in Preußen zwischen Reformzeit und Revolution 1848????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????85
Der Adel in der Revolution 1848????????????????????????????????????????????????????????????????????????????111
Bismarck und die Konservativen??????????????????????????????????????????????????????????????????????????133
Das Tiergartenviertel. Geselligkeit und „Gesellschaft“ in Berlins „Neuem Westen“ um 1900??????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????157
Metropolenkultur und Elitenbildung. Harry Graf Kesslers Berliner Welten 1892–1905????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????187
Antisemitismus in den Agrarverbänden Ostelbiens während der Weimarer Republik????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????237
II Begriffe und Konzepte der Adels- und Elitenforschung????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????273
Die Ordnung der Familie. Zum Zusammenhang von Sozialstruktur, Familien- und Lebenszyklus im Westfälischen Adel in der Mitte des 18. Jahrhunderts??????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????275
Von der Stände- zur Klassengesellschaft: Adel um 1800????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????301
Die Junker??????????????????????????????????311
„Adeligkeit“ – historische und elitentheoretische Überlegungen zum Adel in Deutschland seit der Wende um 1800????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????331
Veröffentlichungsnachweis????????????????????????????????????????????????????????????????347
Bildnachweis??????????????????????????????????????348